Die Nati fliegt unter dem Radar – und das ist ihre Chance
Frankreich? Titelanwärter Nummer 1! England, Spanien und Argentinien? Ebenfalls heiss! Marokko und Norwegen? Weshalb nicht? Und die Schweiz? Die befindet sich aktuell kaum auf dem Radar, wenn es um Anwärter auf den WM-Titel geht. Und genau das kann eine grosse Chance sein.
Dass Frankreich, England, Spanien und Titelverteidiger Argentinien hoch im Kurs stehen, wenn es um Voraussagen für den WM-Titel geht, ist weder neu noch überraschend. Dass Brasilien in diesem Turnier nicht weit kommt, ist ebenfalls keine Sensation, da sich die Nivellierung nach unten bereits abgezeichnet hat. Die guten Zeiten der Südamerikaner scheinen vorbei zu sein, trotz Vinicius Junior, der sich im Direktduell mit Erling Haaland nicht auszeichnen konnte, während der Norweger beim 2:1-Sieg im Achtelfinal beide Tore seines Teams erzielte und der gefeierte Matchwinner war.
Die Norweger, die aktuelle Nummer 19 der Weltrangliste, stehen damit im Viertelfinal, wo am Samstag England wartet. Es wird das Duell der beiden Super-Torjäger Erling Haaland und Harry Kane, und der Sieger darf weiter vom grossen Coup und dem Gewinn des WM-Titels träumen. Frankreich und Marokko bestreiten am Donnerstag einen anderen Viertelfinal, und auch da gilt: Der Sieger ist ein heisser Titelanwärter.
In den oft erstellten Power-Rankings spielt dagegen die Schweiz keine oder kaum eine Rolle. Das Team von Murat Yakin hat sich unaufgeregt durch die Vorrunde gearbeitet und im Sechzehntelfinal ebenso nüchtern Algerien eliminiert, auch wenn beim Gegner Ex-Nationaltrainer Vladimir Petkovic an der Linie stand, was für eine emotionale Note und Brisanz sorgte.
Für niemanden eine Bedrohung
Auch gegen die Kolumbianer, die zweifellos über Qualität verfügen, gelten die Schweizer generell als Aussenseiter, obwohl die Südamerikaner in der Weltrangliste nur auf Rang 11 und lediglich vier Positionen vor unserer Nati liegen. Die Nati befindet sich an diesem Turnier definitiv nicht im Rampenlicht. Im Gegenteil: Das Team von Murat Yakin wird schon fast ignoriert und von kaum jemandem als Bedrohung wahrgenommen – und genau das kann die grosse Chance sein.
«Time to shine» lautete das Motto der Eishockey-WM 2026 in der Schweiz und die Nati stürmte bis in den Final vor, gewann zum dritten Mal in Folge WM-Silber. «Time to shine» ist auch ein passender Slogan für die Schweizer an der Fussball-WM 2026, denn der Weg nach oben ist definitiv nicht verbaut.
Im Achtelfinal wartet am Dienstagabend Kolumbien. Ein starker Gegner, ganz klar. Aber definitiv nicht übermächtig. Der Einzug in den Viertelfinal ist nicht nur möglich, sondern auch realistisch. Dort würde wohl Titelverteidiger Argentinien warten, ein ganz anderes Kaliber, auch wenn die Gauchos zuletzt von Kap Verde arg in Bedrängnis gebracht wurden. Der theoretische Halbfinalgegner wäre England. Und dass auch die Three Lions keine unüberwindbare Hürde sind, hat die WM 2024 gezeigt, als die Nati im Viertelfinal erst im Penaltyschiessen am späteren Vizeeuropameister scheiterte.
Mit ihren unaufgeregten und unauffälligen Auftritten spielen sich Murat Yakin und sein Team immer weiter nach vorne. Die aktuelle Generation mit Captain Granit Xhaka, Verteidigungsminister Manuel Akanji und den weiteren etablierten Teamstützen wie Nico Elvedi, Remo Freuler, Breel Embolo oder Ricardo Rodriguez hat sich kontinuierlich weiterentwickelt, überzeugt durch Konstanz und hat mittlerweile das Selbstbewusstsein, es mit jedem Gegner aufnehmen zu können. Goalie Gregor Kobel ist meist ein sehr sicherer Wert und Coach Murat Yakin immer für eine taktische Überraschung gut, mit der er den Gegner verwirrt und verunsichert.
Unterschiedsspieler Manzambi
Und mit dem Genfer Johan Manzambi haben die Schweizer einen Unterschiedsspieler in ihren Reihen. Einen Mann, der durch seine Spielfreude, seinen Elan und seine Unberechenbarkeit jederzeit für die entscheidende Aktion gut ist. Natürlich hat er mit seinen gelungenen Aktionen viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, doch dadurch schafft er auch Raum für seine Teamkollegen. Und: Manzambi kann man – wie früher Xherdan Shaqiri – auch mit der engsten Bewachung nicht während 90 Minuten aus dem Spiel nehmen.
An der WM sind die Schweizer auch nach dem Remis gegen Katar und den Siegen gegen Bosnien-Herzegowina, Kanada und Algerien ein absoluter Underdog, den kaum jemand auf der Rechnung hat. Das mindert den Druck, sodass die Nati auch gegen Kolumbien nicht zwingend gewinnen muss, aber ganz sicher gewinnen kann und die Chancen absolut intakt sind, die WM-Reise weiterzuführen. Es ist eine perfekte Ausgangslage, um für Furore zu sorgen und wie die Eishockey-Kollegen an ihrer WM das Motto «Time to shine» noch länger zu leben.