European Surprise? Thun und St. Gallen mit der Chance auf den Coup
Knapp eine Woche ist die neue Schweizer Fussballsaison alt und bereits winkt zwei SL-Exponenten die Chance auf einen unerwarteten europäischen Exploit. Halten Meister Thun und Cupsieger St. Gallen ihre Kontrahenten aus Zagreb und Lissabon nämlich auch in den Rückspielen dieser Woche in Schach, gelingt der überraschende Einzug in die 3. Qualifikationsrunde. Ein realistisches Szenario? Wir blicken auf die Partien von heute Abend und vom Donnerstag.
Vor dem Himmel wartet die Hölle
Das altehrwürdige Maksimir Stadion. 1912 erbaut und berühmt-berüchtigt für seine heissblütige, zuweilen feindselige Atmosphäre. Alle paar Jahre stolpert hier ein sogenannt «Grosser» des europäischen Klubfussballs, zuletzt das spanisch-britische Trio aus Tottenham (CL 2021), Chelsea (CL 2022) und Sevilla (EL 2022). Und hier geht es heute Abend in der zweiten Qualifikationsrunde zur Champions League für den FC Thun darum, zu bestehen. Mit einer echten Chance? Absolut, solange sich die Berner Oberländer nicht vom aussergewöhnlichen Rahmen des ersten europäischen Auftritts seit sieben Jahren aus dem Konzept bringen lassen. Denn auf dem Papier sind die Thuner zwar Aussenseiter, dies aber nicht mehr, als sie dies zuletzt auch in Duellen mit YB (67,20 Mio. Team-Marktwert) oder dem FC Basel (54.05 Mio. Team-Marktwert) waren. Und die beiden Liga-Giganten sind ziemlich gute Komparative für die Art von Gegner, der dem Schweizer Meister nach dem 1:1 im Hinspiel das Leben schwer machen will und muss. Mit einem Kader (67,60 Mio. Marktwert), der in erster Linie einmal defensiv überdurchschnittlich besetzt ist (die fünf Innenverteidiger Sergi Dominquez, Scott McKenna, Niko Galesic, Stjepan Radeljic und Raul Torrente sind alle zwischen 9 Mio. und 2,5. Mio Euro bewertet) und offensiv auf die Künste von Mittelstürmer Dion Beljo (31 Tore in 2025/2026) sowie der beiden Linksaussen Gabriel Vidovic und Arber Hoxha vertraut. Vermissen wird der 26-fache kroatische Meister Spielmacher Luka Stojkovic, der heute Abend die letzte seiner beiden Rotsperren aus der vergangenen EL-Kampagne absitzen muss. Alles Vorzeichen, die darauf hindeuten, dass der FC Thun heute Abend durchaus dazu in der Lage sein könnte, in die Fussstapfen der Berner Young Boys zu treten. Der Kantonsrivale qualifizierte sich nämlich genau heute vor acht Jahren mit einem 1:2-Auswärtssieg in Zagreb für die Königsklasse. Immerhin die Conference-League-Gruppenphase hätten die Oberländer heute Abend mit einem identischen Ergebnis auch bereits erreicht.
Mit 7,7 Prozent zum Maximum
David vs. Goliath: Wohl noch selten in der bald 150-jährigen Geschichte des FC St. Gallen war diese Aussage vor einem Gastspiel der Ostschweizer so zutreffend, wie vor dem bevorstehenden Rückspiel in der zweiten Qualifikationsrunde zur Europa League. In jenem trifft der FCSG am Donnerstag nämlich auswärts auf Benfica Lissabon, den mit einem Marktwert von 411,55 Mio. rund 13 Mal höher bewerteten portugiesischen Rekordmeister. Allerdings: Diese Diskrepanz kümmerte die Grün-Weissen schon im Hinspiel vor Wochenfrist (2:1) nicht wirklich. Warum also, soll es diese Woche nicht noch einmal klappen? Nun, zum einen weil sich der Champions-League-Dauergast (14 Teilnahmen in den letzten 15 Jahren) ein Aus in der Europa-League-Quali schlichtweg nicht erlauben kann. Und zum anderen, weil Trainer Marco Silva (zuletzt fünf Jahre bei Fulham) im Gegensatz zum Hinspiel wieder auf sechs WM-Fahrer (die Verteidiger Dedic und Araujo, die Mittelfeldakteure Rios und Aursnes, die Angreifer Lukebakio und Schjelderup) sowie den kolumbianischen Neuzugang Jhon Duran zählen kann. Allerdings: Kaum über 90 Minuten und natürlich steckt der 38-fache portugiesische Champion auch nach wie vor in der Vorbereitung auf die in elf Tagen beginnende neue Meisterschaft. In dieser soll zum ersten Mal seit 2023 wieder der Titel geholt werden, was die Anspannung rund um das Estadio da Luz bereits früh in der Saison spürbar macht. Silva und seine Mannschaft müssen sich nach dem missglückten Hinspiel also erst einmal frei spielen, was die Chance für die Ostschweizer sein kann. Insbesondere dann, wenn es Maassen, Görtler und Co. gelingen sollte, ihr direktes, aktives und physisches Spiel auch in Portugals Hauptstadt auf den Rasen zu bringen. Vor Wochenfrist hat das schon einmal - und zur Überraschung der Portugiesen - ziemlich gut geklappt.