skysport.ch
Sky Sport

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Analysen Fussball

Fiasko in Übersee: Warum Deutschland erneut nach Hause fährt

Patrick

Und es ist schon wieder passiert: Deutschland, vierfacher Weltmeister und (einstiger?) Gigant des Weltfussballs, ist an der WM frühzeitig ausgeschieden. Zum dritten Mal in Folge, abermals entzaubert von einem Aussenseiter und dieses Mal sogar in der deutschen Domäne überhaupt - dem Elfmeterschiessen. Was nun? Wir analysieren und blicken dabei auch auf den vermeintlichen Sündenbock an der Seitenlinie.

IMAGO_Moritz Müller_und wiedre nichts_Deutschlands Spieler und Fans nach dem dritten frühen WM Aus in Folge
Und wieder nichts: Deutschlands Spieler und Fans nach dem dritten frühen WM-Aus in Folge © IMAGO / Moritz Müller

Taktische Mängel und eine dünne Haut: Hat sich Nagelsmann verzockt?

Im Zentrum der heftigen Kritik steht in Deutschland nahezu reflexartig der Bundestrainer. Und in der Tat: Der einstige Hoffnungsträger Julian Nagelsmann liefert reichlich Angriffsfläche, weit über den Vorwurf der trägen, ideenlosen Spielausrichtung hinaus. Denn neben taktischen Fehlgriffen (u.a. entpuppte sich der gestrige Tausch Undav für Musiala als Rohrkrepierer) kann man dem 38-Jährigen auch den mangelhaften zwischenmenschlichen Umgang mit einzelnen Akteuren vorwerfen. Besonders die Torwart-Rochade kurz vor Turnierbeginn (Neuer für Baumann) sorgte für öffentliche Diskussionen und dürfte mannschaftsintern im Sinne des Leistungsprinzips nicht nur positiv gesehen worden sein. Zudem machte sich der ehemalige Hoffenheim-, Leipzig- und Bayern-Coach auch abseits des Platzes angreifbar. In Pressekonferenzen und Interviews wirkte Nagelsmann zuletzt sonderbar gereizt, reagierte defensiv auf kritische Nachfragen und liess jene Souveränität im Auftreten vermissen, durch die sich erfahrene Manager auch an diesem Turnier auszeichnen. Den gebürtigen Landsberger jedoch als Alleinschuldigen abzustempeln, greift ebenfalls zu kurz. Er übernahm 2023 eine Mannschaft, die seit dem WM-Titel 2014 international keine Erfolge mehr vorzuweisen hatte und verlor just zur Unzeit mit Nils Schlotterbeck auch noch seinen spielerisch wichtigsten Verteidiger.

 

Verlorene Aura: Wenn der Mythos der Turniermannschaft verblasst

Das gravierendste Problem, das man beim Blick auf das aktuelle deutsche Team beobachten kann, liegt jedoch tiefer: Die einstige deutsche "Aura" ist in der letzten Dekade nahezu gänzlich verloren gegangen. Wo sich deutsche Mannschaften zuvor jahrzehntelang über unbändigen Kampfeswillen, extreme mentale Resilienz und einen unerschütterlichen Teamgeist auszeichneten, ist davon heute kaum noch etwas zu spüren. Entsprechend fürchtet sich mittlerweile auch niemand mehr vor einem Duell mit dem DFB-Team. Gegner wie Ecuador in der Gruppenphase oder nun Paraguay im Sechzehntelfinale haben längst Lunte gerochen. Anstatt Angst vor einem späten deutschen Comeback oder der starken Physis zu haben, spüren sie die deutsche Verwundbarkeit. Schlimmer noch: Diese Nationen schlagen Deutschland mittlerweile mit genau jenen urdeutschen Tugenden – Leidenschaft, gallige Zweikampfführung und absolute Hingabe – die Deutschland scheinbar abhandengekommen sind.

 

IMAGO_Kirchner_media_Abgang zweier enttäuschter Hoffnungsträger_Julian N und Florian Wirtz konnten Erwartunge mit DE nicht erfüllen
Abgang zweier enttäuschter Hoffnungsträger: Florian Wirtz (leicht verdeckt) und Julian Nagelsmann konnten die Erwartungen in Deutschland nicht erfüllen (IMAGO / Kirchner Media)

Eine Generation ohne Titel und das Formtief der Hoffnungsträger

Dieser Mangel an Selbstverständlichkeit und Widerstandskraft zeigt sich auch im Kader. Akteure wie Kapitän Joshua Kimmich, Leroy Sané oder der zur Pause eingewechselte Leon Goretzka stehen sinnbildlich für eine Generation, die im Nationaltrikot ihr enormes Potenzial nie umsetzen konnten. Serien-Sieger im Klub, warten sie mit dem Adler auf der Brust auch nach der dritten WM noch immer auf ihren ersten Sieg in einer K.o.-Phase. Kein Wunder, klebt dieser Spielergeneration das Etikett der Unvollendeten an. Ein weiteres Problem stellte in den vergangenen Wochen die Verfassung von Jamal Musiala und Florian Wirtz dar. Eigentlich als „Difference Maker“ designiert, kamen die Beiden zum Abschluss eines schwierigen Jahres auch in den USA nie richtig auf Touren. Und „nur“ mit den beiden formschwachen Kreativspielern und ohne den defensiven „Quarterback“ Schlotterbeck bestückt, präsentierte sich die deutsche Offensive in den entscheidenden Momenten zerbrechlich wie ein Kartenhaus.

 

Und jetzt? Charakterköpfe statt Systemtreue

Wie geht es nun weiter, beim mitgliedertechnisch immer noch stärksten Fussballverband der Welt? Die mittlerweile historische Erfolglosigkeit zeigt, dass die Probleme wohl eher nicht kurzfristig und nicht bloss durch einen Trainerwechsel gelöst werden können. Der DFB steht vor einer echten Herausforderung und sollte sich nun die Zeit nehmen, um sich fundamentale Gedanken zu machen. In der Nachwuchsförderung rächt sich seit Jahren, dass der Fokus zu stark auf taktische Systemtreue- und Variabilität, und zu wenig auf individuelle Durchsetzungsfähigkeit, Charakterstärke und Führungsqualitäten gelegt wurde. Es fehlen die Spielerpersönlichkeiten, die sowohl aufgrund ihrer sportlichen als auch menschlichen Fähigkeiten aus der breiten Masse herausragen. Und auch die Bundesliga muss sich hinterfragen, ob im Ligabetrieb genügend Räume für junge, deutsche Leistungsträger geschaffen werden, die unter maximalem Druck internationale Reife erlangen können. Natürlich verfügt Deutschland noch immer über ein enormes Potential. Um dieses zu nutzen, bedarf es aber auch den Mut, in den kommenden Monaten Vieles zu hinterfragen. Ein Blick zurück in die erfolgreiche Vergangenheit kann dabei eigentlich nicht schaden.

 

Bewerte den Artikel
1 Bewertungen
Ihre Stimme wird gezählt.

News-Feed

Lesen Sie auch

Mehr anzeigen

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Copyright Sky Schweiz SA © 2001-2026. Erstellt von EWM.swiss