Italien lässt grüssen: Diese Elf sehen wir an der WM nicht
Eintausendzweihundertundachtundvierzig. Oder anders gesagt: So viele Fussballspieler wie noch nie, werden sich ab nächstem Donnerstag den Traum erfüllen können, Teil einer FIFA Weltmeisterschaft zu sein. Nicht dazu gehören die folgenden, durchaus klingenden Namen des Weltfussballs, die von ihren Nationaltrainern einigermassen überraschend nicht für den Grossanlass in Kanada, Mexiko und den USA aufgeboten wurden. Zusammen ergeben sie eine Elf, der Einiges zuzutrauen wäre – aber das galt bis zu den Playoffs im März auch für unsere fussballverückten Nachbarn aus Italien.
Tor: Lucas Chevalier
Vom kommenden französischen Nationaltorhüter auf die Ersatzbank von PSG und von dort direkt in den Sommerurlaub anstatt an die WM. Das ist die Story der letzten fünf Monate für Lucas Chevalier, 24-jähriger Torhüter, der seinen Stammplatz in Paris Ende Januar an Matvey Safonov abtreten musste, nachdem erst im August vom OSC Lille in die Hauptstadt gewechselt hatte, um Gianluigi Donnarumma zu ersetzen. Das klappte offensichtlich nicht wie erhofft, denn in der internen französischen Torhüter-Hackordnung findet sich Chevalier neu nur noch auf Rang 4 wieder. Hinter Stammkeeper Maik Maignan (30, AC Milan), hinter Brice Samba (32, Stade Rennes) und mittlerweile auch hinter dem jungen Robin Risser (21, RC Lens), der vor einem Jahr noch in der Ligue 2 Spielpraxis sammelte.
Linke Verteidigung: Lewis Hall
In diesem Sinn tickt England-Manager Thomas Tuchel wie unser Murat Yakin: Warum eine Position auf der defensiven Aussenbahn doppelt mit einem Spezialisten besetzen, wenn sich innerhalb des Teams doch bestimmt auch andere Lösungen finden lassen? Auf alle Fälle hat es Lewis Hall, 21 Jahre junger Linksverteidiger und Newcastle-Stammspieler, nicht zum Sprung in den englischen WM-Kader gereicht. Stattdessen mitgenommen wird der gleichaltrige Nico O’Reilly, der sich bei Man City auf der linken Seite behaupten konnte. Halls Teileinsätze in den abschliessenden Tests vs. Uruguay und Japan haben also nicht gereicht, um Tuchel nachhaltig davon zu überzeugen, auf dieser Position doch gleich zwei Mal auf die Jugend zu setzen.
Rechte Verteidigung: Trent Alexander-Arnold
Vom ehemaligen Dortmund-, PSG-, Chelsea- und Bayern-Trainer ebenfalls nicht berücksichtigt wurde TAA. So richtig überraschen konnte diese Nachricht aber nicht, zählte Tuchel seit seinem Amtsantritt im Herbst 2024 doch nur ein einziges Mal auf den ehemaligen Liverpool-Defender. Daran änderte auch dessen Wechsel zu Real Madrid wenig, zumal er bei den Königlichen aufgrund gleich zweier Verletzungen in der Hinrunde erst spät in der Saison so etwas wie in Fahrt kam. Tuchels erste Wahl hinten rechts dürfte stattdessen der zuletzt häufig verletzte Reece James (Chelsea) sein.
Innverteidigung: Harry Maguire und Antonio Silva
Und weiter geht’s mit der Liste prominenter Abwesenden aus dem Vereinigten Königreich. Denn trotz einer starken zweiten Saisonhälfte verpasst auch Manchester-United-Routinier Harry Maguire die WM. Bitter für den 68-fachen Nationalspieler, der nach seinem verletzungsbedingten Aus für die Euro 2024 bereits sein zweites grosses Turnier verpasst. Doch am Ende setzt Tuchel auch in den USA auf das ihm aus der Qualifikation vertraute Quartett um John Stones, Dan Burn, Ezri Konsa and Marc Guéhi.
Während Maguire mit seinen 33 Jahren womöglich nie mehr an einem grossen Turnier auflaufen wird, gilt selbiges – zumindest aus Altersgründen – nicht für Portugals Antonio Silva. Der 22-jährige Innenverteidiger von Benfica Lissabon galt lange Zeit als grosse Hoffnung im portugiesischen Fussball, bliebt in seiner Entwicklung zuletzt aber ein wenig stehen. Dass er von Trainer Roberto Martinez nicht in den WM-Kader berufen wurde, ist dennoch eine Überraschung. Zuletzt gehörte Silva stets zum erweiterten Stamm des Europameisters von 2016.
Defensives Mittelfeld: Joao Palhinha
Wir bleiben in Portugal, wo auch Tottenhams Joao Palhinha nicht zu den 26 von Martinez nominierten Spielern zählt. Ähnlich wie Silva fungierte auch die Bayern-Leihgabe in den letzten beiden Jahren regelmässig im Kader von Martinez, ohne von diesem jedoch mit einer tragenden Trolle versehen zu werden. Daran ändert auch Palhinhas schwierige letzte Saison mit den Spurs wenig. Möglicherweise kostete sie ihn zuletzt sogar seinen Platz in Portugals WM-Team. Beim 37-fachen Nationalspieler wird zumindest diesen Sommer kein Weiteres mehr hinzukommen.
Zentrales Mittelfeld: Eduardo Camavinga
Vor dreieinhalb Jahren in Katar gehörte Eduardo Camavinga zu den positiven Überraschungen in einem französischen Team, dass sich schlussendlich erst im Endspiel Leo Messi und Argentinien beugen musste. Diesen Sommer werden Coach Didier Deschamps und «Les Bleus» versuchen, Ähnliches ohne den 25-jährigen Akteur von Real Madrid zu erreichen. Denn Camavinga wurde für die FIFA WM 2026 überraschend nicht berücksichtigt, vermutlich auch, weil er dieses Frühjahr in Madrid ebenfalls seinen Stammplatz verlor. Natürlich auch zu berücksichtigen: Mit Manu Koné, Warren Zaïre-Emery and Aurélien Tchouaméni verfügt Deschamps über hervorragende Optionen, um den Real-Star zu ersetzen.
Offensives Mittelfeld: Phil Foden und Cole Palmer
Von Frankreich kurz zurück über den Kanal nach England, wo mit Phil Foden (Manchester City) und Cole Palmer (Chelsea) zwei weitere grosse Namen nicht Teil von Tuchels WM-Aufgebot sind. Beiden Vize-Europameistern von 2024 dürfte dabei nicht in die Karten gespielt haben, dass sowohl die «Sky Blues» als auch die «Blues» enttäuschende Kampagnen hinter sich haben, die auch an Foden und Palmer nicht spurlos vorbei gingen. So traf Letzterer seit März nur noch zwei Mal, während sein zwei Jahre älterer Counterpart im Frühjahr zweitweise sogar seinen Stammplatz verlor. Das genügte Tuchel bereits, um die Beiden nicht in seinen 26-Mann-Kader zu berufen. Dort dafür mit dabei: Die Angreifer Ivan Toney (Al-Ahli) und Ollie Watkins (Aston Villa), die mit ihren Toren (gemeinsam 48) offensichtlich kräftige Argumente lieferten.
Stürmer Nr. 1: Joao Pedro
Was können dir ein Stammplatz beim FC Chelsea, 15 Premier-League-Tore sowie acht Vorlagen offensichtlich nicht garantieren? Einen Platz an FIFA WM der 2026, zumindest im Fall des Angreifers aus Ribeirao Preto. Klar, über mangelndes offensives Talent konnte man sich in Brasilien noch selten beklagen, doch der Verzicht auf den 24-Jährigen Torjäger zugunsten von Angreifern wie den in Russland aktiven Luiz Henrique (6 Tore für Zenit St. Petersburg) oder den zuvor drei Jahre nicht berücksichtigten Neymar, erstaunt dann doch. Hat sich Carlo Ancelotti möglicherweise verpokert? Die kommenden Wochen werden die entsprechende Antwort liefern.
Stürmer 2: Randal Kolo Muani
Der letzte Platz im Kader der «WM-All-Star-Snubs» geht an einen Franzosen. Zwar lieferte auch der Belgier Lois Openda (ein Tor für Juve in der Spielzeit 25/26) durchaus nachvollziehbare Argumente, schlussendlich sicherte sich Kolo Muani im Duell der beiden ex-Bundesligatorjäger jedoch durch. Ebenfalls mit nur einem Tor, erzielt während einer Saison des Grauens bei Tottenham Hotspur. Wobei fraglich ist, ob sich Kolo Muani überhaupt je realistische Hoffnungen auf einen Platz im Kader der Equipe Tricolore gemacht hat. Inklusive der WM-Qualifikation, kam der Mittelstürmer in der jüngeren Vergangenheit nämlich nur gerade während 27 Minuten für die Mannschaft von Didier Deschamps zum Einsatz.