WM 2026: Kommerziell top, sportlich flop und warum das Infantino und der FIFA-Familie trotzdem passt
Seit dem späten Sonntagabend ist sie Geschichte – die erste Fussball-WM, die in drei Ländern und mit 48 teilnehmenden Nationen ausgetragen wurde. Ein knapp sechswöchiger Fussball-Marathon, der alle vorangegangenen Turniere in den Schatten stellte. Aber war die FIFA-WM 2026 auch ein Erfolg? Das hängt ziemlich sicher von der eigenen Sichtweise ab.
Sechswöchiger Milliarden-Rausch
Aus finanzieller Sicht war die FIFA WM 2026 in Nordamerika ein absoluter Volltreffer. Mit einem Gesamtumsatz von bis zu 15 Milliarden US-Dollar, knapp 7 Millionen Zuschauer:innen in den Stadien und einem historischen Reingewinn sprengte der Flagship-Anlass des Weltverbands alle bisherigen Dimensionen. Es sind Einnahmen, die FIFA-Präsident Gianni Infantino nun grosszügig in den Weltfussball und an die Mitgliedsverbände ausschütten kann. Für einen Verband wie den Schweizerischen Fussballverband (SFV) bedeutete die Qualifikation fürs Viertelfinale Einnahmen im Bereich von 20 Millionen US-Dollar an Prämien und Ausschüttungen – ein finanzieller Segen, der für die Weiterentwicklung von Nachwuchsprojekten, Verbands- und Breitensportstrukturen aber auch absolut notwendig ist.
Exklusion und spielerische Magerkost
Doch hinter der funkelnden Finanzfassade hinterlässt das Turnier einen faden Beigeschmack. Die astronomisch hohen Ticketpreise schlossen einen grossen Teil der traditionellen Fussballfans de facto aus und wandelten die Tribünen stellenweise in Event-Arenen für Gutbetuchte um. Zudem blieb der Unterhaltungswert auf dem Rasen weit hinter den Erwartungen zurück. Zwar verliefen viele Partien resultatmässig ausgeglichen, qualitativ überzeugten sie jedoch nur in selten. Statt mitreissendem Offensivfussball regierten defensive Mittelmässigkeit, Risikoaversion und taktische Vorsicht in gefühlt 75 Prozent aller Spiele.
Die Schattenseiten der 48er-Expansion
Der Mangel an spielerischer Klasse sowie der verstärkte defensive Fokus waren denn auch zwei direkte Auswirkungen der von Infantino nicht zuletzt aus Eigeninteresse (Sicherung der Wiederwahl) initiierten Aufstockung des Teilnehmerfelds auf 48 Nationen. Wie zentral und wirkungsvoll eine gut organisierte Defensive heutzutage sein kann, bekam das Publikum zum Leidwesen der Fans selbst im Endspiel zwischen Spanien und Argentinien vorgeführt. So stand das Finale beispielhaft für eine WM, in der defensiver – ja, destruktiver - «Mauerfussball» zu oft auf der Taktiktafel der Mannschaften stand, begünstigt durch ungenügende, wenig konsequente Schiedsrichterleistungen, die defensive Vielbeinigkeit noch mit übertriebener (aber tolerierter) Härte untermauerten.
Regelfrust und Kommerz-Willkür
Natürlich gehörten schlechte Schiedsrichterleistungen und defensives Mauern schon früher zum geduldeten Teil einer Weltmeisterschaft, doch wirklich neu war die Tatsache, dass die FIFA dieses Jahr auch die Integrität des Spiels nicht mehr als unantastbar erachtete. Sei es im Fall der politischen Einflussnahme bei US-Stürmer Folarin Balogun oder auch im Umgang mit dem eigenen Regelwerk. So zum Beispiel bei der Einführung einer dreiminütigen Unterbrechung pro Halbzeit zu Werbezwecken (offiziell «Hydration Break»), der sehr freien Interpretation der ohnehin neuen «Mistaken Identity»-Regel oder auch der völlig überrissenen Ausdehnung der Halbzeitpause im Endspiel auf fast 30 Minuten. Massnahmen, die allesamt den traditionellen Werten des Spiels widersprachen und das traditionelle Fussballpublikum verärgerten, weil damit die Grundsätze des Sports ohne Not aus den Angeln gehoben wurden.
Der Fussball entfernt sich von der Basis – will diese ihn wirklich stoppen?
Dennoch darf getrost davon ausgegangen werden, dass die Entwicklung unter Gianni Infantino auch künftig in diese Richtung weiterlaufen wird. Bereits wurde trotz der Tatsache, dass eine substantielle Anzahl der jüngsten WM-Spiele von der breiten Öffentlichkeit kaum registriert wurde, über eine WM mit 64 Teams spekuliert, und die Ausrichtung der WM 2030, die in sechs Ländern und auf drei Kontinenten stattfinden wird, ist bereits beschlossene Sache. Neue Rekordumsätze sind zu erwarten, während die sportliche Wertigkeit durch zusätzliche Langstreckenflüge und noch mehr Spiele weiter verwässert wird. Dagegen wehren könnten sich theoretisch die 211 Mitgliederverbände der FIFA, werden das aber zu grossen Teilen unterlassen. Schliesslich werden sich auch 2030 mehr als drei Viertel aller Länder nicht für die WM qualifizieren und erst Recht kein Interesse daran haben, die Hand zu beissen, die sie trotz relativer sportlicher Bedeutungslosigkeit füttert.
Somit liegt der Ball schlussendlich bei den Fans weltweit. Sie könnten ein Zeichen setzen, indem sie den WM-Besuch meiden und TV-Übertragungen boykottieren, sodass mittelfristig Einnahmen aus dem Verkauf von Medienrechten, Tickets und Sponsoringpaketen zurückgehen. Allerdings bedingt dieses hypothetische Szenario eine länderübergreifende Einigkeit und Verzichtsbereitschaft an der Basis, die aktuell nicht vorhanden zu sein scheint. Zudem würde ein solcher Boykott den Fussball und die WM nicht automatisch besser machen, sicher aber Verbände in ihren Bemühungen, den Sport lokal zu fördern, einschränken. Und das wird kaum im Sinne jener sein, die den Fussball wirklich lieben. Und zu denen gehört angeblich ja auch ein gewisser Gianni Infantino.