SL-Preview: St. Gallen, Sion und Servette – die unterschätzten Jäger
Am kommenden Wochenende startet die Super League in die neue Saison. Mit dem FC Thun als Titelverteidiger, dem FC Vaduz als Aufsteiger und den «Grossen» in Basel, Bern und Zürich auf der Suche nach neuen Erfolgen. Wer in den kommenden Monaten überraschen, und wer enttäuschen wird? Im dritten Teil unserer Saisonvorschau befassen wir uns mit einem Trio, das tendenziell unterschätzt wird, aber gefährlich sein kann.
FC St. Gallen: Kann Hunziker Vogt ersetzen?
Ausgangslage: Wer oder was ist der FC St. Gallen? Über viele Jahre hinweg waren die Ostschweizer ein typischer Mittelfeldklub der Super League. Man durfte immer wieder mal von einer Trophäe träumen, am Ende reichte es dann doch nicht. In der vergangenen Saison hatte das Warten dann endlich ein Ende: Am 24. Mai gewann der FCSG den Cupfinal gegen Stade-Lausanne-Ouchy mit 3:0 und wurde zum zweiten Mal in seiner Geschichte Cupsieger. Dazu kam Rang 2 in der Meisterschaft, womit die Saison aussergewöhnlich war. Nun geht es darum, unter Trainer Enrico Maassen den nächsten Schritt zu machen und sich nachhaltig als Spitzenklub zu etablieren – wobei der FCSG dabei sicherlich auf gutem Weg ist. Entscheidend dafür ist auch die Ruhe im Umfeld. Und da ist es wichtig, dass der am Ende der letzten Saison aufgekommene Machtkampf endgültig der Vergangenheit angehört und Präsident Matthias Hüppi in Ruhe an der Zukunft des Klubs weiterarbeiten kann. Allfällige Macht- und Grabenkämpfe könnten dagegen fatale Auswirkungen auf die Performance der St. Galler haben.
Schlüsselfiguren: Goalie Lawrence Ati Zigi hütet seit über sechs Jahren das Tor der Espen, ist Publikumsliebling und Leistungsträger. An der WM bestritt er für Ghana zwei Spiele (gegen Panama und Kolumbien) und konnte sich so auch auf der internationalen Bühne zeigen. Sein Vertrag läuft im Sommer 2027 aus und je schneller St. Gallen mit ihm verlängern kann, desto wertvoller ist es für ein ruhiges Innenleben im Team. Oder aber er wird noch in diesem Sommer verkauft, um noch Einnahmen zu erzielen. Noch wichtiger als Zigi ist Captain Lukas Görtler. Der Deutsche ist der Vorkämpfer im Team, er lebt die Leidenschaft vor, die es braucht, um erfolgreich zu sein.
Was Hoffnung macht: Der Abgang von Stürmer Alessandro Vogt zu Hoffenheim in die Bundesliga schmerzt natürlich. Einerseits ist es ein sportlicher Verlust, schliesslich war er mit 15 Meisterschaftstoren letzte Saison der beste Torschütze in seinem Team. Andererseits verliess er St. Gallen für die festgeschriebene Ablöse von rund 2,5 Millionen Franken – und damit massiv unter seinem geschätzten Marktwert von acht Millionen. Der Abgang von Vogt wurde aber mit dem Transfer von Andrin Hunziker kompensiert. Der Basler Mittelstürmer hat letzte Saison sein Potenzial eindrücklich aufgezeigt und für den FC Winterthur in der Super League elf Tore und vier Assists erzielt. Er hat in St. Gallen für vier Jahre unterschrieben und den Anspruch, als Stürmer Nummer 1 im Team massenhaft Tore zu erzielen.
Prognose: Jahr für Jahr wird der FC St. Gallen unterschätzt – doch das ist gefährlich. Wenn die Ostschweizer in Ruhe und ohne Störfeuer von aussen arbeiten können, ist ihnen auch in dieser Saison in der Meisterschaft und im Cup viel zuzutrauen, wobei ein Platz in den Top 6 der Mindestanspruch ist. Auf der anderen Seite ist das Umfeld in St. Gallen nicht nur begeisterungsfähig, sondern auch sehr fordernd. Umso wichtiger ist es, gut in die Saison zu starten und mit ersten Erfolgen für eine positive Grundstimmung zu sorgen.
FC Sion: Spielen sich die Walliser in einen Erfolgsrausch?
Ausgangslage: Wer oder was ist der FC Sion? In der Vergangenheit ging es im Wallis bisweilen zu wie im Wilden Westen. Das Tourbillion war ein Trainerfriedhof, und gefühlt immer, wenn Präsident Christian Constantin auf den Totomat blickte, musste wieder ein Übungsleiter gehen. Mit Didier Tholot ist das anders. Vor 23 Jahren hatte er ein Gastspiel als Spielertrainer, danach kehrte er 2009 und 2014 zu den Wallisern zurück und heuerte 2023 erneut wieder an. Constantin und Tholot verbindet wohl eine amour four, die mittlerweile in einer erfolgreichen Beziehung gefruchtet hat. Die vergangene Saison hat Sion auf Rang 4 beendet, zudem wurde der Vertrag mit Tholot bis 2029 verlängert. Es scheint, dass auch beim FC Sion langsam aber sicher erkannt wurde, dass Kontinuität wichtig ist, um nachhaltig erfolgreich zu sein.
Schlüsselfiguren: Goalie Anthony Racioppi ist ein sicherer Rückhalt und ein entscheidendes Teil im Puzzle der Walliser. Mittelstürmer Rilind Nivokazi hat nach seinem Wechsel von Bellinzona ins Wallis gezeigt, dass er in der Super League mithalten kann und war mit 13 Toren der beste Torschütze des FC Sion. Zu beachten gilt es auch Winsley Boteli, der in der vergangenen Saison in 611 Super League-Minuten acht Tore erzielt hat. Die Walliser haben den 20-jährigen Genfer für eine Ablösesumme von 3,5 Millionen Euro fix von Gladbach übernommen, wollen ihn reifen lassen und später mit einem fetten Gewinn weiterverkaufen. Boteli verfügt zweifellos über das Potenzial, um mit Spektakel und Toren zu glänzen und wird wohl das eine oder andere Mal dafür sorgen, dass die Fans mit einem Gläschen Fendant auf ein Tor anstossen können.
Was Hoffnung macht: Es scheint, dass beim FC Sion Vernunft und Ruhe eingekehrt sind. In der Vergangenheit hatten die Walliser immer wieder mal die Substanz, um ganz vorne mitzumischen, ehe präsidiale Personalentscheidungen und Schnellschüsse für (zu) viel Unruhe sorgten. Ein Sprichwort besagt, dass die Kraft in der Ruhe liegt und wenn es so ruhig weitergeht, wie es zuletzt war, dann können die Fans mit grossem Optimismus in die Saison steigen. Aber zuerst gilt es zu beweisen, dass die Ruhe nicht nur ein kurzfristiges Phänomen ist.
Prognose: Auch für den FC Sion ist der Saisonstart eminent wichtig. So kann Präsident Constantin ruhig die Spiele verfolgen und läuft man im Wallis nicht Gefahr, dass ein Schnellschuss das gerade gebaute Fundament zerstört. Klar ist: Der FC Sion hat das Potenzial, um ganz vorne mitzuspielen und die zumindest vermeintlich «Grossen» zu ärgern. Und wenn es den Wallisern gelingt, sich in einen Rausch zu spielen, ist auch der Gewinn einer Trophäe möglich. Im Cup sowieso, aber vielleicht auch in der Meisterschaft.
Servette FC: Läuft Motor Stefanovic weiterhin rund?
Ausgangslage: Wer oder was ist der Servette FC? Servette war einst ein Spitzenklub im Schweizer Fussball, doch die grossen Erfolge liegen schon ein paar Jahre zurück: Meister 1999 und 1994. Immerhin gab es dann auch noch den Cupsieg 2024. Doch in Erinnerung geblieben sind auch dunkle Episoden, massive finanzieIle Probleme und Skandale unter anderem rund um die undurchsichtigen Investoren Marco Roger und Majid Pishyar. 2015 folgte schliesslich der Zwangsabstieg, der als Neuanfang genutzt wurde. Mittlerweile wird Servette durch die mächtige «Hans-Wilsdorf-Stiftung» (Rolex) alimentiert, so dass die Uhren in Genf definitiv anders ticken. Die finanziellen Mittel sind da, um wieder vorne anzugreifen.
Schlüsselfiguren: Miroslav Stevanovic ist zwar bereits 35 Jahre alt und steht seit 2017 bei den Genfern unter Vertrag. Doch seine Qualitäten sind nach wie vor unbestritten. In der vergangenen Saison schulterte er die grösste Einsatzzeit aller Feldspieler der Servettiens, zudem war er mit 14 Treffern der erfolgreichste Torschütze. Wenn der kreative Mitspieler Stevanovic wieder auf Touren kommt, kann er bei den Genfern der Erfolgsfaktor sein. Hoffnung macht auch, dass Trainer Jocelyn Gourvennec mit seinem Team eine komplette Vorbereitung bestreiten konnte, nachdem der Franzose vor einem Jahr das Team erst nach Saisonbeginn übernommen hatte. Das dürfte sich insbesondere bei den taktischen Abläufen bemerkbar machen.
Was Hoffnung macht: Mit dem litauischen Nationalgoalie Edvinas Gertmonas (von Cluj), der den zu YB abgewanderten Joël Mall ersetzt, wurde ein spannender Keeper verpflichtet, der sich mit dem aktuell noch verletzten Jérémy Frick ein Duell um die Nummer 1 liefern wird. Von Hellas Verona kommt der 20-jährige französische Stürmer Mathis Lambourde, der in der letzten Saison in der Serie B für Reggiana spielte und in 24 Spielen vier Tore erzielte. Grösser waren aber in der Vergangenheit die Schlagzeilen, die Lambourde neben dem Platz fabrizierte: Der 20.-Jährige wurde vor zwei Jahren wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, nachdem er in Rennes auf einem für den Verkehr gesperrten Gehweg mit einem E-Scooter eine 51-jährige Fussgängerin umgefahren hatte, die sechs Tage später an den Folgen des Unfalls verstorben war. Und während Thimothé Cognat die Genfer verlassen möchte, hat Servette die Kaufoption für Junior Kadile gezogen.
Prognose: In der letzten Saison verpasste Servette die Championship Group und landete am Ende lediglich auf Rang 8. Das war zu wenig für die Ansprüche der Genfer, die zurück ins europäische Geschäft wollen und in einem ersten Schritt die Qualifikation für die Top 6 anstreben. Es ist ein Ziel, das definitiv machbar ist.