Riskanter Schritt in die Vergangenheit
Real Madrid hat eine katastrophale Saison hinter sich. Anspruch und Wirklichkeit liegen weit auseinander. Nun soll ausgerechnet José Mourinho die königlichen wieder auf den Thron zurückführen. Kann das gut gehen?
In der Champions League im Viertelfinal am FC Bayern München gescheitert. In der Meisterschaft vor dem letzten Spieltag elf Punkte Rückstand auf den Erzrivalen Barcelona. In der Copa del Rey das peinliche Out im Achtelfinal gegen den Zweitligisten Albacete und in der Supercopa die Finalniederlage gegen Barcelona: Die so stolzen und erfolgsverwöhnten Königlichen sind auf dem harten Boden der Realität gelandet oder haben gemessen an den eigenen Ansprüchen eine unterirdische Saison absolviert. Dass ihr Trophäenschrank keinen Zuwachs bekommt – es war vor der Saison eigentlich undenkbar.
Doch die erste titellose Spielzeit seit der Saison 2020/21 ist Tatsache. Trotz eines mit Stars gespickten Kaders, dessen Wert auf 1,34 Milliarden Euro beziffert wird. Und trotz der Verpflichtung von Wunschkandidat Xabi Alonso als Nachfolger von Trainer Carlo Ancelotti. Doch Alonso, der als Spieler mit den Königlichen viele Erfolge gefeiert hatte, entpuppte sich nicht als Heilsbringer auf der Trainerbank. 34 Wettbewerbsspiele blieb er in Amt und Würden, ehe er nach einem Durchschnitt von 2,24 Punkten pro Spiel gefeuert wurde. Ein Grund dafür war das angespannte Verhältnis zu den Superstars. Alonsos Nachfolger wurde Alvaro Arbeloa. Doch auch unter ihm blieb die königliche Wiederauferstehung aus: In seinen 27 Spielen führte er das Team zu durchschnittlich 1,96 Punkten. Es war der tiefste Wert seit Julen Lopetegui, der vor acht Jahren in 14 Spielen auf einen Schnitt von nur gerade 1,43 Punkten kam.
Und nun soll also José Mourinho den Klub zurück auf die sportliche Erfolgsstrasse führen. Der Deal ist zwar noch nicht offiziell, doch gerüchtehalber hat sich Real mit dem portugiesischen Startrainer auf einen Zweijahresvertrag geeinigt. Es wäre eine Wiedervereinigung der beiden Parteien, nachdem Mourinho Real bereits zwischen 2010 und 2013 trainiert hatte. Damals wurde er Meister und Cupsieger, scheiterte in den drei Jahren aber in der Königsklasse in der K.o.-Phase an Barcelona, Bayern München und Borussia Dortmund.
Aktuell steht Mourinho bei Benfica Lissabon unter Vertrag, er soll aber über eine Ausstiegsklausel verfügen. Zudem gilt Real-Präsident Florentino Perez als Anhänger Mourinhos, der bei Benfica im vergangenen September auf Bruno Lage gefolgt war, in der Meisterschaft zwar in 30 Spielen ungeschlagen blieb, am Ende mit seinem Team aber dennoch nur Rang 3 belegte – acht Punkte hinter Meister Porto und zwei Zähler hinter Stadtrivale Sporting.
Druck und Konfrontationen
Wie die Beziehung zwischen Mourinho und Real Madrid im zweiten Anlauf verläuft, bleibt abzuwarten. Doch es stellen sich einige Fragen. Mourinho ist charismatisch und zieht automatisch viel Aufmerksamkeit auf sich. Das kann die kickenden Superstars entlasten – sie aber auch nerven und zu Eifersucht führen. Der Portugiese setzt auf klare Hierarchien und Kontrolle. Die Rollen der Spieler, ihre Aufgaben und auch die Erwartungen an sie sind genau definiert. Die Spieler wissen genau, was der Trainer verlangt. Er arbeitet über Motivation und Mentalität, zentral sind bei ihm Loyalität und taktische Disziplin. Er schätzt die Akteure, die sich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellen und kommuniziert oft offen, hart und ohne viele diplomatische Formulierungen. Und er scheut auch keine Konfrontationen und erzeugt hohen Druck.
«The Special One» wird selten mit spektakulärem Offensivfussball verbunden. Das Resultat ist wichtiger als ein attraktiver Spielstil – und so, mit diesem pragmatischen, kontrollierten und auch ergebnisorientierten Auftreten, hat er seine namhaften Arbeitgeber zu Meisterschaften und internationalen Titeln geführt. Im Umkehrschluss wird dem Portugiesen teilweise aber gerade auch dieser Pragmatismus mit einer defensiven Stabilität als Fundament und dem Motto «Kontrolle statt Spektakel» vorgehalten.
In seinem ersten Gastspiel bei Real blieb der Sturm auf den europäischen Gipfel aus, stattdessen erfolgte nach drei Jahren, im Sommer 2013, aufgrund sportlicher, zwischenmenschlicher und atmosphärischer Gründe die Trennung. Mourinho geriet mit wichtigen Spielern aneinander, setzte Captain Iker Casillas teilweise auf die Bank und sorgte so für grosse Diskussionen. Dazu kamen Gruppenbildungen innerhalb der Mannschaft und immer stärkere Unruhen und Spannungen.
Unangenehme Entscheidungen fällen
Der charismatische Mourinho soll nun in Madrid den Umbruch bewerkstelligen und dabei auch keine Angst haben, unangenehme Entscheidungen zu fällen. Ob das in der Garderobe der Königlichen, in der so viele grosse Egos versammelt sind, auch möglich ist, muss sich zuerst noch zeigen. Klar ist aber, dass seine Verpflichtung eine Wahl mit enormen Konfliktpotenzial und Zündstoff ist, nachdem schon jetzt immer wieder Diskussionen rund um die Beziehungen zwischen den fussballerisch begabten, aber charakterlich schwierigen Superstars wie Kylian Mbappé und Vinicius Jr. geführt werden.
Mourinho hat Zweifellos die Fähigkeit, bei Real mit seiner ausgeprägten Autorität wieder für Ordnung zu sorgen. Gleichzeitig ist es fraglich, ob genau diese Eigenschaften zu den fürstlich entlöhnten und verwöhnten Stars der heutigen Zeit passt und ob es ihm so gelingt, die Stars zu vereinen oder ob zusätzliche Konflikte und Gräben entstehen. Klar ist: Die erwartete Rückkehr von Jose Mourinho nach Madrid ist ein äusserst riskanter Schritt in die Vergangenheit.