St. Gallen-Captain Görtler – eine charismatische Persönlichkeit
Heute Abend kommt es in der Super League zum brisanten Duell zwischen dem FC Lugano und dem FC St. Gallen, die beide mit einem Sieg in die neue Saison gestartet sind. Sorgt für die Ostschweizer erneut Captain Lukas Görtler für den Unterschied?
Zum Saisonauftakt gewann St. Gallen gegen den FC Basel mit 2:1, nachdem Captain Lukas Görtler in der 86. Minute mit einem Distanzschuss getroffen hatte. Für den Deutschen war es der 27. Treffer im 142. Spiel für die Espen – und ein weiteres Zeichen, wie viel er dem Team bringen kann. Görtler ist in der Ostschweiz mittlerweile ein Fussballgott, und die Sorgen bei den Fans waren gross, als zuletzt über einen Zwist mit Trainer Peter Zeidler und einen möglichen Abgang des Captains berichtet wurde. Fakt ist aber: Görtler ist immer noch beim FCSG und der wohl wichtigste Spieler im Team.
Als Lukas Görtler im Sommer 2019 von Utrecht in den kybunpark wechselte, hätte wohl niemand gedacht, welch grosse Persönlichkeit den Schweizer Fussball bereichert. Dies als Fussballer auf dem Feld, aber auch als Mensch daneben. Denn Görtler entspricht nicht den allgemeinen Klischees, die den Fussballprofis anhängen. So hat er in der Vergangenheit seine Ferien nicht wie viele andere in Luxushotels verbracht, sondern war auch schon mal mit seiner Partnerin in Asien als Backpacker mit dem Rucksack unterwegs und gab sich da anderen als Student statt Berufsfussballer aus. Aus materiellen Dingen mache er sich nichts, hat er einmal in einem Gespräch verraten. Designerklamotten waren da für den ehemaligen Spieler des FC Bayern München, der im Mai 2015 unter Pep Guardiola zu 18 Bundesliga-Minuten für den deutschen Rekordmeister war, kein Thema.
Dass der heute 29-Jährige weit über das Fussballfeld hinaus denkt, zeigen ein paar Aussagen aus einem Interview vor ein paar Monaten gegenüber GOAL.
Zum Thema Lesen:
«Ich lese generell sehr viel, aber meistens geht es bei mir in Richtung Sachbücher. Ich mag Bücher, die mir etwas über die Welt erklären und aus denen ich etwas lernen kann. Mein Lieblingsbuch ist «Eine kurze Geschichte der Menschheit» von Yuval Noah Harari, einem israelischen Historiker. Was hat die Menschheit zu dem gemacht, was sie ist? Warum haben wir uns so entwickelt? Was sind wir morgen? Er stellt viele interessante Fragen, mit denen ich mich beschäftige.»
Zum Besuch von Vorlesungen an der Uni St. Gallen:
«Einmal war ich bei einer Vorlesung zur Relativitätstheorie von Albert Einstein. Die Uni bietet regelmässig sehr interessante Vorlesungen an, auch für Menschen, die dort nicht studieren. Ich habe ein Faible für naturwissenschaftliche Themen und die Relativitätstheorie habe ich noch nie begriffen, also bin ich mal hin und habe es mir angehört. Meine Interessen sind da wirklich sehr breit gefächert.»
Über Uli Hoeness:
«Als ich beim FC Bayern war, sass Uli Hoeness noch im Gefängnis und durfte dann in der Nachwuchsabteilung als Freigänger arbeiten. Ich hatte einen Termin bei ihm, weil ich ein Angebot aus Kaiserslautern vorliegen hatte und gerne wechseln wollte. Ich kam in sein Büro und durfte mich schon mal setzen, er musste aber noch ein Telefonat zu Ende führen. Es ging um einen ehemaligen Bayern-Spieler aus der zweiten Mannschaft, der Schulden hatte, für den sich aber niemand mehr interessiert hat, wenn man ehrlich ist. Ausser Uli Hoeness. Er hat mit dem Banker telefoniert und aus seiner privaten Tasche die Schulden beglichen. Wenn du da auf dem Stuhl sitzt und das mit anhörst, macht das schon etwas mit dir. Er hat das nicht gemacht, um irgendwie gut dazustehen. Er hat es gemacht, weil er einfach helfen wollte. Das hat mich sehr inspiriert.»
Über Pep Guardiola:
«Generell war es so, dass ich eigentlich gar nicht der erste Kandidat war aus der zweiten Mannschaft, der bei den Profis mittrainieren sollte. Da waren andere vor mir. Aber als einer verletzt ausfiel oder ein anderer meinte, das wäre ihm zu viel Stress und Druck, bei den Profis mitzutrainieren, kam meine Chance. Hermann Gerland mochte mich, weil ich zwar nicht der talentierteste war, aber immer richtig Gas gegeben habe. So durfte ich dann hoch. Anfangs durfte ich einmal in der Woche bei den Profis dabei sein. Irgendwann habe ich angefangen, nach jedem Training zu Pep zu gehen und zu sagen: «Pep, darf ich morgen wiederkommen?» (lacht) Ich habe ihn nach jedem einzelnen Training genervt. Das hat ihm offenbar gut gefallen. Manchmal meinte er, dass er noch gar nicht weiss, was sie morgen machen würden, aber ich dürfe gerne kommen. Am Ende war ich drei, vier Monate lang jeden Tag beim Training dabei.»
Über eine Trainerkarriere:
«Ich kann mir das in der Tat sehr gut vorstellen, bin aber auch zwiegespalten. Auf der einen Seite bin ich mir ziemlich sicher, dass mir der Trainerberuf eines Tages Spass machen würde. Ich denke auch, dass ich Talent dafür hätte, weil ich ein guter Kommunikator bin, gerne die Menschen um mich herum besser mache und da gewisse Fähigkeiten besitze. Gleichzeitig weiss ich, dass die eine grosse negative Sache im Fussball, dass du nämlich jedes Wochenende fremdbestimmt bist, natürlich als Trainer genauso da ist wie als Spieler. In gewisser Weise sogar noch schlimmer. Will ich das? Ich bin wahrscheinlich der Typ, der nach der aktiven Karriere erstmal ein oder zwei Jahre auf Reisen gehen und die Welt sehen will. Aber vielleicht reicht mir das auch wieder nach einem Jahr und ich bin heiss auf eine Rückkehr in den Fussball. Gut möglich.»
Über das Thema Umwelt:
«Der Klimawandel ist das grosse Thema unserer Generation. Ich mache mir grosse Sorgen, dass wir in eine Katastrophe hineinschlittern, wenn wir nicht schleunigst Dinge verändern. Ich mache mir Sorgen, dass wir in 25 Jahren dastehen, uns anschauen und sagen müssen: Wie konnten wir nur so dumm sein? Aber dann ist es vielleicht zu spät und wir können nichts mehr ändern. Ich sehe auch jeden Tag, dass das Thema zwar schon viel Aufmerksamkeit bekommt, aber dass es doch nicht zu allen durchdringt. Wenn ich mir meine Altersgruppe anschaue oder vor allem die Altersgruppe eins drunter, die jungen Spieler bei uns in der Mannschaft, dann muss ich leider feststellen, wie wenige das Thema überhaupt auf dem Schirm haben. Wie Kleinigkeiten als selbstverständlich angenommen werden, die aber einen grossen Schaden anrichten können. Es ist unglaublich schwierig, Menschen dazu zu bringen, zu verzichten. Da muss auch jeder für sein Leben entscheiden, was für ihn ein Kompromiss sein kann, aber ich versuche einfach, bei einigen Punkten mit einem guten Beispiel voranzugehen und Dinge vorzuleben. Vielleicht kann ich damit ein paar Leute inspirieren.»
Über PET-Flaschen:
«Als ich nach St. Gallen gekommen bin, habe ich mich dafür eingesetzt, dass wir Plastikflaschen aus dem Klub verbannen. Ich habe ausgerechnet, dass wir pro Jahr rund 15’000 PET-Flaschen verbrauchen – das ist doch verrückt. Da ist es doch viel sinnvoller, wenn jeder Spieler eine eigene Alu-Flasche bekommt und wir einen Wasserspender installieren. Deshalb bin ich zum Präsidenten nach oben ins Büro gegangen und habe das vorgeschlagen. Seitdem sind die Plastikflaschen bei uns Geschichte.»
Über seine Velofahrten zum Stadion:
«Ich fahre fast immer mit dem Rad. Wenn wir nachts von einem Spiel wieder mit dem Bus am Trainingsgelände ankommen, liebe ich es, die zehn Kilometer zu mir nach Hause zu radeln. Als ich bei einem Spiel in Vaduz mal gesperrt war, bin ich die 60 Kilometer auch mit dem Rad zum Spiel gefahren und danach wieder zurück. Wir hatten im Klub sogar Fahrräder, aber die noch nicht richtig in Gebrauch waren. Zusammen mit einem Mannschaftskollegen habe ich sie dann aufgepumpt und hergerichtet, einmal kamen immerhin zwölf Jungs mit dem Fahrrad. Damit retten wir nicht die Welt, aber würde jeder Mensch jeden Tag 1,6 Kilometer mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zurücklegen, wie es der Durchschnitt in Dänemark tut, könnten wir jährlich 400 Millionen Tonnen CO2 sparen. In den Niederlanden liegt der Durchschnitt übrigens sogar bei 2,6 Kilometern, es ist also möglich.
Über die Ernährung:
«Ich habe vor sechs Jahren damit angefangen, weniger Fleisch zu essen und mit der Zeit generell auf tierische Lebensmittel zu verzichten. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir gar nichts fehlt. Im Gegenteil. Ich habe mich nicht mehr so müde gefühlt, ich war sogar energetischer. Das heisst aber auch nicht, dass ich davor total kaputt war und ohne Fleisch laufe ich nur noch Marathons, so ist es natürlich nicht. Aber es hat mir gutgetan. Ich bin aber niemand, der mit dem moralischen Zeigefinger auf andere Menschen zeigt. Ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein. Ich reise zum Beispiel sehr gerne. Ich fliege ab und zu, darauf will ich auch nicht verzichten müssen. Da kann ich aber dann schlecht auf andere Leute schimpfen, die Fleisch essen, aber dafür vielleicht nicht in den Urlaub fliegen. Aber wenn ich ein paar Leute zum Nachdenken anrege und sie statt an fünf Tagen in der Woche nur noch an zwei Tagen Fleisch essen, hat das auch schon einen Effekt. Es gibt eine Alternative, wenn die Menschen das verstehen, reicht es mir schon.»