Top und Flop: Gala der Eingewechselten nach langem Warten
Die Schweizer Antwort auf den schwachen WM-Start ist mit dem 4:1-Sieg gegen Bosnien-Herzegowina geglückt. Doch es brauchte auch vor dem TV-Gerät viel Geduld, bevor der grosse Jubel ausbrach.
Top
Johan Manzambi kam, sah und traf – und die Schweiz siegte. Und der Shootingstar des SC Freiburg hatte mit Ruben Vargas einen Kompagnon, der das Spiel gegen Bosnien-Herzegowina am Ende zu einer Gala werden liess. Nach 71 Minuten kamen Manzambi und Vargas ins Spiel und gemeinsam sorgten die frischen Offensivkräfte für die Wende, stellten den mittlerweile müden Gegner vor unlösbare Probleme. Sie zeigten sich als kongeniales Duo und sorgten so für die Schweizer Herrlichkeit. Manzambi unterstrich mit seinen zwei Toren und der Auszeichnung als «Man of the Match», weshalb sein Marktwert bereits auf 50 Millionen Euro explodiert ist. Er brachte einmal mehr dieses frische, unberechenbare und geniale Element ins Schweizer Spiel, das mit dem Rücktritt von Xherdan Shaqiri verloren gegangen war. «Ihm muss man keine grossen taktischen Vorgaben machen, er ist ein Instinktfussballer», sagte Nationalcoach Murat Yakin nach dem Sieg. Wenn man nach diesem Sieg Manzambi heraushebt, muss man es fairnesshalber auch mit Ruben Vargas machen. Der Offensivspieler aus Sevilla kam gemeinsam mit Manzambi ins Spiel – und lieferte. Er spielte druckvoll und hatte Offensivdrang, glänzte mit Spielwitz, Finessen und Übersicht, war Torschütze und Assistgeber und eine stete Gefahr: Er gab damit schlicht die perfekte Antwort darauf, dass er zu Beginn des Spiels nur Ersatz gewesen war, einen Stammplatz nach dem Katar-Spiel verloren hatte. Manzambi und Vargas präsentierten sich gegen die Bosnier als Super-Joker – und sorgen für Hoffnung, dass das Schweizer WM-Abenteuer noch lange andauert.
Flop
Die Eingewechselten machten aus dem Match eine Gala, doch das soll und darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Schweizer Auftritt lange pomadig und enttäuschend war. Es fehlten der Druck, die Konsequenz, die Präzision und der Esprit. Es war, als könne man den Druck spüren, der nach dem missglückten WM-Start und der damit verbundenen Kritik auf den Schultern der Spieler lastete und sie lähmte. Der mutlose Auftritt sorgte für Stirnrunzeln. Es schien, als würde nicht nur Trainer Yakin kränkeln, sondern das ganze Team. Der Esprit und das Selbstverständnis, das die Nati noch in der Qualifikation ausgezeichnet hatte? Weit weg! Die Gedanken an ein abruptes Platzen der WM-Träume? Real! Die Zweifel an Murat Yakin wurden immer grösser. Er, der sich so oft schon als Taktikfuchs gezeigt hatte, wirkte auf der Bank rat- und emotionslos. Auch nach einer Stunde hatte er noch keinen Impuls gesetzt. Der stoische Weg in eine weitere Enttäuschung war vorgezeichnet. Doch Yakin ist halt doch ein Fuchs! Er wartete mit seinen Wechseln bis zur Trinkpause, damit der Gegner mit dieser Unterbrechung nicht die Gelegenheit bekommt, Anpassungen vorzunehmen. Die Trinkpause war so ein Steilpass für den Sieg, ein wichtiges taktisches Element – und Yakin, der gedanklich bereits als «Flop» schubladisiert war, wurde plötzlich zu einem Top-Element.
Noch nach einer Stunde schien die Schweiz auf dem Weg in die nächste Enttäuschung. Eine halbe Stunde später feierte sie einen 4:1-Sieg. Die WM kann manchmal brutal sein – und manchmal wunderschön.