Top und Flop: Hexenmeister Kobel – Fremdkörper Jashari
Die Schweizer Nati hat gegen Kolumbien mit einer Willensleistung und einem Kraftakt überzeugt und ist in die Viertelfinals eingezogen. Dort wartet Titelverteidiger Argentinien auf Murat Yakin und sein Team. Dann braucht es erneut diese Leidenschaft – aber auch Verbesserungen.
Es ist 00.50 Uhr am frühen Mittwochmorgen, als in Vancouver und der Schweiz ein Jubelsturm losbricht. Ruben Vargas behält seine Nerven und bezwingt im Penaltyschiessen seinen Namensvetter Camilo Vargas im Tor der Kolumbianer sicher. Die erste Viertelfinalqualifikation in der Neuzeit ist geschafft, gleichzeitig hat die Nati ihr erklärtes Ziel erreicht und Geschichte geschrieben.
Es sind emotionale Momente für die Spieler, die sich in Vancouver als Mentalitätsmonster gezeigt haben und in einem Abnützungskampf gegen die hart spielenden und von den heissblütigen Fans angetriebenen Südamerikaner dagegenhalten. «Der Wille hat gewonnen. Wir haben nicht viel kreiert, aber sind defensiv sehr gut gestanden. Es war ein typisches K.o.-Spiel, in dem beide Teams ihre Phasen hatten, und wir haben Geschichte geschrieben. Es ist ein unglaubliches Gefühl», sagt Captain Granit Xhaka später in die Mikrofone. «Ich bin wirklich sehr stolz auf die Mannschaft. Wir warten schon seit Längerem darauf, so eine Geschichte zu schreiben. Die Mannschaft hat es verdient!» Schliesslich sei die Nati seit 2014 bei jeder WM im Achtelfinal gewesen, nun habe sie das Ziel erreicht, endlich einen solchen zu gewinnen.
Die WM-Reise geht damit weiter und die Ambitionen bleiben. «Der Hunger ist so gross wie noch nie», so Leithammel Xhaka. «Wir haben unser Ziel Nummer 1 erreicht, aber wenn du im Viertelfinal stehst, willst du mehr.» Man werde den Viertelfinal gegen den Titelverteidiger Argentinien und dessen Anführer Lionel Messi geniessen, und: «Wenn man noch eine grössere Geschichte schreiben kann, muss man alles dafür geben.»
Argentinien ist ein grosser und harter Brocken, den es nun aus dem Weg zu räumen gilt. Damit dies gelingt, muss alles passen. Einige Leistungen müssen so gut sein wie gegen die Kolumbianer, andere besser werden.
Top
Mit dem Ball am Fuss ist Gregor Kobel nicht immer über alle Zweifel erhaben, da kommt er nicht an seinen Vorgänger Yann Sommer ran, der oft als zusätzlicher Feldspieler im Aufbau glänzte. Und auch seine Präsenz im Strafraum könnte ab und zu besser sein. Doch was ist das nur für ein Jammern auf allerhöchstem Niveau! Gegen die Kolumbianer stand der Goalie unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung in seinem Kasten. Er liess sich auch nicht von den Pfiffen der gegnerischen Fans verunsichern, sondern schickte sie im Penaltyschiessen ins Tal der Tränen.
Er konnte sich in diesem geschichtsträchtigen Match zuerst auf das Glück des Tüchtigen verlassen, als in der Verlängerung ein gegnerischer Kopfball an die Latte klatschte, als Campaz kurz vor dem Ende eine Topchance vergab oder als Davinson Sanchez im Penaltyschiessen den Ball an die Latte donnerte. Doch er zeigte auch bemerkenswerte Paraden, beispielsweise bei seiner Flugeinlage nach einem Schlenzer von Puerta. Oder dann, als er den Elfmeter von Cucho Hernandez parierte und so die Weichen für die Schweiz in Richtung Viertelfinal stellte. «Ich war während dem ganzen Spiel so entspannt, wie man in einem Achtelfinal sein kann. Ich spürte das Vertrauen der Jungs und wusste: Wir sind ready und machen diese Elfmeter«, sagte Kobel danach. Und zu seiner Heldentat im Penaltyschiessen: «Es war ein guter Save, muss ich sagen, stark.»
Kobel wurde verdientermassen als «Man of the Match» ausgezeichnet und bereits jetzt ist klar: Er wird auch gegen Argentinien und Superstar Lionel Messi gefordert sein.
Flop
Es war und ist nicht die WM von Ardon Jashari. In den ersten vier Spielen dieser WM kam er zu einem Kürzesteinsatz gegen Katar und drückte sonst die Bank. Gegen Kolumbien bekam er nun seine Chance, weil die Verletzung von Johan Manzambi Nationaltrainer Yakin zu Umstellungen zwang. Doch er konnte die Lücke, die das Fehlen des Shootingstars mit sich brachte, nicht füllen, auch wenn zu seiner Ehrenrettung gesagt werden muss, dass er nicht auf seiner Lieblingsposition spielte. Doch der eigentliche Sechser hatte im offensiven Mittelfeld schlicht gar keinen Einfluss, wirkte als Fremdkörper und war grösstenteils weder sicht- noch spürbar. Er hatte keinen Zugriff aufs Spiel und kaum Ballkontakte. So blieb Murat Yakin nichts anderes übrig, als dieses Experiment in der Pause abzubrechen und Jashari aus dem Spiel zu nehmen.
Für den Mittelfeldspieler ist es ein weiterer Rückschlag in einer schwierigen Saison. Nach seinem von Nebengeräuschen begleiteten Wechsel von Brügge zur AC Milan ist er in Italien, auch wegen seines Wadenbeinbruchs kurz nach dem Start nie richtig angekommen. Während der ganzen Saison kam er wettbewerbsübergreifend auf gerade mal 17 Einsätze und 880 Spielminuten. Das genügt den Ansprüchen des 23-Jährigen natürlich nicht. Nun wird es spannend sein zu sehen, wie er mit diesen Herausforderungen umgeht, zumal ihm auch der Ruf anhaftet, nicht immer pflegeleicht zu sein. Die kommenden Wochen und Monate werden so für Jashari zum Charaktertest. Gleiches gilt übrigens für Noah Okafor, der an dieser WM eine enttäuschende und frustrierende Zeit erlebt, einzig gegen Algerien 20 Minuten Auslauf bekam und auf der Bank schmorte und Zuschauer war.