Vom Aussortierten zum Leistungsträger
Silvan Hefti galt einst als ein grosses Talent im Schweizer Fussball. Doch dann geriet seine Karriere ins Stocken, und er landete auf dem Abstellgleis. Nun greift der Ostschweizer wieder an und arbeitet am Turnaround – in der Major League Soccer.
Silvan Hefti sorgte schon in jungen Jahren für Schlagzeilen. Er war 17 Jahre, 10 Monate und 18 Tage jung, als er in der Super League debütierte. Es war der 12. September 2015, der FC St. Gallen spielte auswärts gegen den FC Basel (und verlor 1:2) und Hefti wurde von damaligen Interimstrainer Daniel Tarone, der nach der Trennung von Jeff Saibene und vor der Einstellung von Josef Zinnbauer für ein Spiel in der Verantwortung stand, erstmals eingesetzt.
Mit 21 Jahren Captain
In der Folge wurde Hefti schnell eine fixe Grösse – und übernahm mit erst 21 Jahren beim FC St. Gallen das Captainamt. Der Aussenverteidiger war eine Integrationsfigur, ein Leistungsträger und Aushängeschild. Umso grösser war der Schock, als er im Sommer 2020 dem Ruf der Young Boys nicht widerstehen konnte und nach Bern weiterzog. Für YB absolvierte Hefti wettbewerbsübergreifend 72 Spiele, er war im September 2021 bei der Sternstunde dabei, als die Berner in der Champions League gegen Manchester United mit Cristiano Ronaldo 2:1 gewannen und liess sich bei jenem historischen Sieg auch den Assist beim zwischenzeitlichen Ausgleich von Nicolas Moumi Ngamaleu notieren. Und er wurde mit den Bernern Meister.
Im Januar 2022 folgte der nächste Schritt – zum FC Genua in die Serie A, wo aber ein paar Monate später der Abstieg nicht vermieden werden konnte. Schon in der Saison darauf gelang der Wiederaufstieg, doch Hefti wurde immer mehr zum Teilzeitarbeiter oder Zuschauer, erhielt kaum mehr Einsatzzeit – und flüchtete zuerst in einem Leihgeschäft zu Montpellier, ehe ihn im Sommer 2024 der Hamburger SV fix verpflichtete.
Das enttäuschende Aus in der Bundesliga
Am Anfang liess sich diese Partnerschaft gut an, der Aussenverteidiger erhielt seine Einsatzzeiten, doch der finale Durchbruch gelang ihm in dieser Aufstiegssaison nicht, auch aufgrund einer Zwangspause und einer Rückenverletzung, dazu kam ein Trainerwechseln. Und auf die laufende Spielzeit hin folgte der endgültige Rückschlag. Der 28-Jährige wurde aussortiert, trotz seines Vertrages bis 2028. «Die letzten Monate in Hamburg waren sportlich eine Enttäuschung. Es gab keine echte Chance auf einen Turnaround. Ich hatte mir das Ende anders vorgestellt», sagte Hefti nun kürzlich im «Blick». Er habe gedacht, das Zeug für die Bundesliga zu haben und sich das anders vorgestellt, aber die Konstellation stimmte nicht. Unter Trainer Merlin Polzin reichte es für ihn nicht.
Hefti war auf dem Tiefpunkt seiner Karriere angelangt, hatte zuerst weder Perspektiven noch Alternativen, bis ihn René Weiler erlöste. Der Schweizer Trainer hatte im vergangenen Sommer in der Major League Soccer angeheuert, wurde Trainer bei D.C. United und erinnerte sich an seinen Landsmann, der im Norden Deutschlands zwischen Stuhl und Bank gefallen war.
Weiler habe ihm sofort, ab dem ersten Gespräch, ein sehr gutes Gefühl vermittelt, einen Plan skizziert und erklärt, dass der Klub nach schwierigen Jahren den Weg zurück in die Playoffs anstrebe. «Und ich soll als Leader vorangehen und eine Winner-Mentalität ins Team bringen, das gefällt mir», so Hefti, der zudem betont, dass es für ihn kein Karriere-Ausflug oder nur ein Abenteuer sei. Die MLS bewegt sich zwar weder technisch noch taktisch auf dem Niveau der besten Ligen Europas, «aber es gibt Mannschaften, die auf europäischem Niveau mithalten könnten». Gerade ein Team wie Inter Miami mit Superstar Lionel Messi fühle sich an wie ein Gegner in der Bundesliga, es wäre spannend zu sehen, wie sie sich in Europa schlagen würden.
Vor 72'026 Fans gegen Messi – und der Spass ist zurück
Das Heimspiel gegen Miami war bislang definitiv ein Höhepunkt für Hefti. Er verlor mit seinem Team zwar mit 1:2 und musste Superstar Messi das 0:2 zugestehen, nachdem Rodrigo de Paul, ein anderer argentinischer Weltmeister, das erste Tor erzielt hatte. Doch die Atmosphäre war speziell. Statt wie üblich vor maximal 20’000 Zuschauern im Audi Field zu spielen, fand der Match im NFL-Stadion statt – vor 72'026 Zuschauern. «Die MLS und Amerika reizten mich, und mit der WM gibt es einen Aufschwung im Land. Messi ist ja auch hier – ich habe noch selten gegen eine bessere Mannschaft als Miami gespielt», sagt der Ostschweizer heute.
Der Schritt in die USA war wohl der richtige. Hefti ist in seinem Klub ein Leistungsträger. Er sagt: «Es macht Spass, wieder regelmässig zu spielen – und mit René, der sehr fordernd ist, auf einem guten Niveau zu arbeiten.» Das Ziel ist es, dass D.C. United nach schwachen Jahren endlich wieder einmal in die Playoffs kommen; Platz neun in der Eastern Conference ist hierfür notwendig. Der Kurs stimmt, der Klub liegt momentan auf dem zehnten Platz und hat in der Nacht auf heute gegen das höher dotierte Red Bull New York beim 4:4 einen Punkt erobert. Der Ostschweizer spielte wie bisher immer in dieser Saison durch – und realisierte zwei Assists. Es ist das Zeichen, dass Silvan Hefti nach schwierigen Zeiten wieder zurück ist und seine Karriere neu lanciert.