Auf der Suche nach der Balance
In dieser Woche trifft die Schweizer Eishockeynationalmannschaft an den Nocco Hockey Games in Helsinki auf Finnland, Schweden und Tschechien. Mit dabei ist auch SCB-Verteidiger Rodwin Dionicio, der für starke Leistungen belohnt wird, sich aber immer noch auf der Suche nach der richtigen Mischung zwischen Offensive und Defensive befindet.
Es wird für den 22-Jährigen keine Premiere sein, wenn er am Donnerstag mit der Schweiz zur WM-Revanche gegen Finnland antritt, denn in seiner persönlichen Statistik stehen schon acht A-Länderspiele für die Schweiz, die er in den vergangenen zwei Saisons bestritten hat, nachdem er aus Nordamerika zurückgekehrt war und sich dem EHC Biel angeschlossen hatte. Mittlerweile verteidigt er aber für den SC Bern – und ist ein valabler Kandidat auch für das WM-Kader.
Trotz eines bis 2027 laufenden Vertrages trennten sich im Juli die Wege von Rodwin Dionicio und dem EHC Biel, zu dem er im Februar 2025 aus Nordamerika gestossen war. Dieser Wechsel innerhalb der Schweiz wurde von Gerüchten und Geschichten begleitet. Es hiess, der Verteidiger brauche einen enormen Betreuungsaufwand, sei ein Schillerfalter. Aber auch, dass eine Einigung über eine vorzeitige Vertragsverlängerung nicht möglich gewesen sei.
Der Umgang mit solchen Urteilen ist gerade für einen jungen Spieler eine grosse Herausforderung. «Man muss sich in solchen Momenten treu bleiben, einen klaren Kopf behalten und Vertrauen in sich haben. Es war keine einfache Zeit, aber ich bin froh, dass ich mit Sven Helfenstein einen tollen Agenten an meiner Seite habe», sagt Dionicio, in dessen Augen die Kommunikation von beiden Seiten nicht die beste war.
Und plötzlich kam der SCB ins Spiel. Die Berner hatten in der Verteidigung durch die Abgänge von Ramon Untersander und Romain Loeffel Substanz und Offensivpotenzial verloren und wollten reagieren. Und Dionicios statistische Argumente waren überzeugend: In der Saison 2025/26 buchte er in Biel in der Regular Season 27 Skorerpunkte und war damit der viertproduktivste Schweizer Verteidiger der National League. Zudem war Dionicio bei den Mutzen kein Unbekannter, da er von 2019 bis 2021 bei SCB Future gespielt hatte, bevor er nach Nordamerika weitergezogen war.
Der SCB als Wunschdestination
«Meine Erinnerungen an diese Zeit sind nur positiv. Ich durfte sehr viel erleben und viele neue Leute kennenlernen, die mir sehr viel mitgegeben haben, als ich mich für den Schritt nach Nordamerika entschieden habe. Ich habe es dem SCB zu verdanken, dass es so gut aufgegangen ist», so Dionicio, der sagt, dass sich seine Rückkehr sehr normal anfühle. Ein Wechsel zum SCB sei im Sommer von Anfang an sein Wunsch gewesen. «Als Junior haben mich die SCB-Erfolge nach Bern gelockt. Nun war für mich der Reiz sofort wieder gross, für den SCB aufzulaufen.»
Die Rückkehr ist erfolgreich verlaufen, wobei dies sicher auch dadurch begünstigt wird, dass der 22-Jährige in drei Jahren in Nordamerika als Sportler und als Mensch gewachsen ist. «Es war eine unglaubliche Zeit für mich. Dort konnte ich Hockey leben, mit freier Seele spielen und versuchen, jeden Tag besser zu werden», sagt der Verteidiger. «Das war auch ein Grund, warum ich rübergehen wollte, um mich herauszufordern und in allen Bereichen zu verbessern. Ich habe das Gefühl, dass dieser Schritt mich weitergebracht hat.»
Einen Halt findet der Offensivverteidiger im Glauben. Als er als Junior in Rapperswil spielte, hatte er den Bibelvers aus Josua 1,9 auf seinen Eishockeystock geschrieben. Dort steht: «Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst.» Dieses Bibelwort ist zu einem stärkenden Begleiter im Leben des jungen Eishockeyprofis geworden. Er sagt: «Der Glaube ist mein grösster Anker, und er ist meiner Mutter zu verdanken. Ich bin dankbar, dass sie das mir und meinen Geschwistern so weitergegeben und eingeprägt hat. Das bringt mir sehr viel und hilft mir auch in schlechten Zeiten.»
Genie, Wahnsinn, Herrlichkeit, Schlampigkeit…
Aktuell sind die Zeiten aber ziemlich gut. Der SCB orientiert sich nach schwierigen Jahren in der Tabelle wieder nach oben und befindet sich in der ausgeglichenen National League im breiten Mittelfeld. Dionicio bringt in der SCB-Defensive frischen Offensivwind und arbeitet daran, die Balance zwischen offensivem Engagement und defensiver Verantwortung zu finden. Diese Balance ist für die nächsten Schritte in seiner Karriere entscheidend, zumal er in der Vergangenheit irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn eingeordnet wurde und ihm vorgeworfen wurde, dass bei ihm offensive Herrlichkeit auf defensive Schlampigkeit treffe.. Dass in diesem Bereich nach wie vor Potenzial besteht, zeigt sich auch in den Statistiken: Dionicio ist mit elf Punkten zwar der viertbeste Skorer beim SCB, auf der Gegenseite steht aber auch eine Plus-Minus-Bilanz von minus 4.
In der Nati kann er nun auf internationalem Eis zeigen, dass sein Weg stimmt. Ende Juli war er von Nationalcoach Jan Cadieux schon fürs Prospect-Camp in Davos aufgeboten worden, nun folgen die Matches an den Nocco Hockey Games. «Die Woche in Davos war top, ich konnte viel mitnehmen. Trainer Jan Cadieux vermittelt uns Spielern, dass es ein Privileg ist, für die Schweiz zu spielen. Das ist mega wichtig, gerade für junge Spieler», so Dionicio, der 2023 im NHL-Draft in der fünften Runde und insgesamt an 129. Stelle von den Anaheim Ducks gewählt wurde und nach wie vor von einer Karriere in der NHL träumt. Gute Leistungen in Bern und mit der Nati sowie im Idealfall ein WM-Aufgebot wären für die Erfüllung dieses Traumes sicher hilfreich.