Beschränkte Perspektiven
Das erste Bully rückt näher: Am 15. September startet die National League in ihre neue Saison. In der ersten Runde kommt es gleich zum Aufeinandertreffen des HC Ajoie und des HC Ambrì-Piotta – es ist das Duell zweier Teams, die sich wohl am Ende der Tabelle bewegen werden.
Es braucht nicht viel Fantasie, um diese Partie als Kellerduell einzuschätzen. Seit Ajoie 2021 in die National League aufgestiegen ist, landeten die Jurassier immer auf dem letzten Platz. So war das auch in der letzten Saison, als Ajoie dann im Playout auf Ambrì traf – und 0:4 verlor. Was spricht nun dafür, dass eine der beiden Mannschaften Morgenröte sieht? Schliesslich war auch die jüngere Vergangenheit der Leventiner wenig berauschend; die letzte Playoff-Qualifikation gab es vor acht Jahren.
Ajoie setzt mit Ville Peltonen nicht nur auf einen neuen Trainer, sondern hat auch im Kader massenhaft Wechsel vorgenommen. Das verspricht zumindest in der Theorie ein jüngeres und schnelleres Team, das damit auch kompetitiver sein sollte. Die Perspektive ist immerhin da, dass die Statistik aufgebessert werden kann. Denn die präsentiert sich trist oder gar erbärmlich: Seit dem Aufstieg von 2021 haben die Jurassier 209 von 286 Partien verloren.
An der Bande soll es nun Ville Peltonen richten, der als Spieler zahlreiche Erfolge feiern konnte. Er war Weltmeister, finnischer Meister, Schweizer Meister, spielte in der NHL und gewann an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen Edelmetall. Als Spieler kannte er den Erfolg, als Headcoach verlief seine Karriere bis anhin weniger ruhmreich. Aber wer weiss, vielleicht ist ja Ajoie, das sich weit weg vom grellen Rampenlicht bewegt, der perfekte Ort, um auch als Übungsleiter vorwärtszukommen und sich für bedeutendere Engagements zu empfehlen.
Spektakel-Brüder Honka
Ganz hinten setzt Ajoie mit Antoine Keller, Noah Patenaude und Tim Wolf auf ein Goalie-Trio. Wolf hexte Ajoie 2021 zum Aufstieg und versuchte sich in den letzten zwei Jahren mit überschaubarem Erfolg beim EV Zug. Nun ist er zurückgekehrt und soll Keller und Patenaude in seinem Schatten reifen lassen. In der Verteidigung stechen die Namen Anttoni und Julius Honka heraus. Die beiden Finnen haben ihre Stärken aber mehr in der Offensive als in der Defensive, sodass Spektakel und Gegentore zu erwarten sind.
Auch im Sturm macht in erster Linie Finnen-Power Hoffnung. Julius Nättinen hat das Potenzial für mehr als 20 Tore, sieht das Spiel nach hinten allerdings als überflüssig an. Dasselbe gilt für Jerry Turkulainen, den 1,71 Meter kleinen Stürmer, der offensiv wirbelt und zaubert und ein Kandidat für die Auszeichnung als Liga-Topskorer ist. Aber auch für ihn gilt: Kürlaufen macht Spass, die Pflicht (sprich die Defensive) ist nicht einmal ein notwendiges Übel. Neu dabei ist mit Kristian Tanus ein weiterer Finne. Auch bei ihm, letzte Saison der fünftbeste Skorer der finnischen Liiga, liegen die Stärken auf der Offensive. Mit dem Kanadier Daniel Carr und mit Philip Michaël Devos, der nun endlich den Schweizer Pass besitzt, stürmen zwei weitere namhafte Profis – doch zu mehr als Rang 14 oder im besten Fall Position 13 wird es in der Endabrechnung kaum reichen.
Wie funktioniert Jussi Tapola ?
Auch beim HC Ambrì-Piotta ist der Blick zurück wenig erbaulich. Zwei Playoff-Teilnahmen in den letzten 20 Jahren sind eine schwache Bilanz. Und in der letzten Saison wurde der Klub durch die Ereignisse neben dem Eis erschüttert, in deren Folge Präsident Filippo Lombardi, Sportchef Paolo Duca und Trainer Luca Cereda den Klub verliessen. Nun sind die Nachfolger gefordert. Allen voran Trainer Jussi Tapola und Sportchef Lars Weibel. Der Finne Tapola hat zweifellos seine Qualitäten, auch wenn er am Ende in Bern gescheitert ist. Doch die vier Meistertitel in Finnland und der Gewinn der Champions Hockey League sind eindrückliche Zeichen. Fraglich ist allerdings, wie er mit seinem Wesen und Wirken und mit seiner fordernden Art auf Dauer im Tessin ankommen wird und wie er damit umgeht, wenn die Spieler qualitativ nicht seine persönlichen Anforderungen erfüllen.
Im Tor verfügen die Leventiner mit Philip Wüthrich und Gilles Senn über eine solide Lösung. Allerdings muss sich zeigen, wie Tapola und Wüthrich auf Dauer zusammen funktionieren, nachdem der Trainer beim SCB nie auf den Goalie gesetzt hat. In der Verteidigung sind der Finne Jesse Virtanen und der Schwede Tim Heed die wichtigsten Säulen. Virtanen erhielt in der vergangenen Saison zum dritten Mal in Folge am meisten Eiszeit in der ganzen Liga, und so stellt sich immer die bange Frage, wie lange er genügend Benzin im Tank hat. Die Problematik der Überbelastung trifft auch auf den Schweden Heed zu, dessen Fehleranfälligkeit bei schwindenden Kräften jeweils steigt.
Belastung als Problem?
Wie die Verteidiger Virtanen und Heed durfte auch der Kanadier Michael Joly in der Leventina bleiben, dazu kam aber ein neues Import-Trio: Der Finne Roby Järventie ist aus Nordamerika zu den Tessinern gestossen, der Tscheche Petr Kodytek aus Finnland und der Kanadier Nate Schnarr aus Deutschland. Ebenfalls im Kader steht der 19-jährige Tscheche Matej Pekar, der im Ambrì-Nachwuchs gross wurde, die letzten zwei Jahre im nordamerikanischen Juniorenhockey spielte und nun an Chur ausgeliehen wurde. Um die Schweizer Lizenz zu erhalten, muss er noch zwei weitere Saisons hier spielen.
Eine interessante Personalie ist Nate Schnarr. Der 27-jährige Kanadier wurde 2017 von Arizona als Nummer 75 overall gedraftet, schaffte es aber nie in die NHL. «Ich habe damals nach meiner Identität als Spieler gesucht und fand im Team die passende Rolle nicht», sieht er als möglichen Grund. Nach Jahren in der AHL wechselte er 2023 nach Europa, spielte zuerst zwei Jahre in der finnischen Liiga (für die Pelicans und JYP) und in der vergangenen Saison in der DEL für die Kölner Haie. Jetzt sagt er: «Seit ich nach Europa gekommen bin, habe ich meine Identität gefunden und etabliert.» Diese Entwicklung widerspiegelt sich auch in den Statistiken: In den vergangenen drei Regular Seasons hat der 1,91 m grosse und 92 Kilo schwere Stürmer pro Spiel zwischen 0,74 und 0,98 Skorerpunkte verbucht und war in seinen Teams ein Leistungsträger. Das macht doch offensive Hoffnungen.
Summa summarum darf der HC Ambrì-Piotta mit einem Platz in den Top Ten liebäugeln. Doch wahrscheinlicher ist, dass die Tessiner über die ganze Saison hinweg gesehen auch in dieser Saison ein Schwanzklub mit beschränkten Perspektiven sind und sich im Tabellenkeller bewegen.