Zwei Giganten und der Herausforderer aus Genf
Das erste Bully rückt näher: Am 15. September startet die National League in ihre neue Saison. Rekordmeister HCD, die ZSC Lions und Servette sind für die direkte Playoff-Qualifikation wohl gesetzt. Ausser es passieren unerwartete Dinge.
Der HC Davos stürmte in der letzten Saison förmlich zum Qualifikationssieg. Mit 191 Toren war das Team von Josh Holden das mit Abstand treffsicherste der Liga – die Nummer 2 nach den 52 Spielen der Regular Season war Gottéron mit 172 Toren. Dass der HCD nach der Qualifikation 17 Punkte Vorsprung auf die Freiburger hatte, war logisch und verdient. Und war am Ende doch nur eine kleine Ehrenmeldung wert. Denn in den Playoffs behielt Gottéron das bessere Ende für sich. Der HCD eliminierte zwar zuerst den EV Zug und dann die ZSC Lions mit jeweils 4:1 Siegen. Doch im Final gegen Gottéron fehlte ein mickriges Törchen zum Meistertitel.
Die «Mission 32» ist damit noch nicht erfüllt. Der 32. Meistertitel fehlt nach wie vor im Palmarès der Bündner. Während man sich nun fragt, ob bei Gottéron der Meisterblues einzieht und das Team gesättigt ist, kann man jetzt schon sagen, dass die Bündner auch in der kommenden Saison zu den Favoriten auf den Qualifikationssieg und den Meistertitel gehören. Der 32. Triumph soll schliesslich nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben sein.
Schmerzhafte Verluste und aggressives Forechecking
Natürlich, die Davoser verzeichnen Abgänge, die man nicht einfach so verkraftet. Die Verteidiger Klas Dahlbeck (zurück nach Schweden) und Michael Fora (zu Lausanne) gehörten zu den Teamstützen, Stürmer Simon Knak (ZSC Lions) war ein Aggressivleader, Chris Egli (zu Zug) eine feste Grösse und Davyd Barandun (zum SCB) in der Defensive enorm wertvoll. Und natürlich schmerzt auch der Abgang von Matej Stransky zu Pardubice. Der Tscheche erzielte letzte Saison in 63 Meisterschaftsspielen 62 Skorerpunkte und war damit der mit Abstand produktivste Spieler des Vizemeisters.
Es sind Lücken, die es nun zu füllen gilt, wobei die Bündner auch auf dem Transfermarkt aggressives Forechecking betrieben. Ken Jäger kehrt mit einem Vertrag bis 2033 aus Lausanne zurück und wurde sofort zum Captain ernannt. Dominik Egli brach seine Zelte in Schweden ab und unterschrieb bis 2032. Zudem kommt von Luleå der kanadische Verteidiger Frédéric Allard mit der Referenz von 32 Punkten in 50 Spielen in die Davoser Höhenluft.
Gleichzeitig sind die Bündner auf allen Positionen bestens besetzt. Angefangen bei Headcoach Josh Holden, der bereits gezeigt hat, dass er über enormes Potenzial verfügt. Mit Sandro Aeschlimann und Luca Hollenstein haben die Davoser zwei starke Goalies mit Schweizer Lizenz und damit eine Luxuslösung. In der Verteidigung muss sich noch zeigen, wer die verloren gegangene Wasserverdrängung von Fora und Dahlbeck kompensiert. Doch bei Bedarf kann allenfalls mit einem neuen Import nachgerüstet werden, zumal die finanziellen Mittel dank den Spengler Cup-Einnahmen und dem Kristall-Klub vorhanden sind. Und auch vorne wird es spannend sein zu sehen, wer zum Torminator mutiert. Erster Anwärter ist natürlich Filip Zadina, der schon letzte Saison beachtliche 21 Treffer markiert hatte.
Wieder ein Stanley Cup-Champion für die Lions
Wie der HCD gehören auch die ZSC Lions zu den Topfavoriten. Die Zürcher haben nach Rang 4 in der Qualifikation und dem Halbfinal-Aus gegen den HCD reagiert und sich von Trainer Marco Bayer getrennt. Stattdessen wurde Claude Julien verpflichtet. Der 66-jährige Kanadier gewann mit Boston 2011 den Stanley Cup und wurde auch Olympiasieger und Weltmeister. Er ist ein Startrainer und soll wie früher schon Bob Hartley und Marc Crawford als Stanley Cup-Champion auch den Pokal für den Schweizer Meister nach Zürich holen.
Die Chancen dazu sind gut. Die Lions verloren wohl Vinzenz Rohrer an Zug, doch die restlichen Leistungsträger blieben an Bord. Zudem wurde mit Verteidiger Tim Berni, der aus Genf nach Zürich zurückkehrt, Simon Knak (von Davos) und dem Schweden Malte Strömwall (von den Rapperswil-Jona Lakers) tüchtig nachgerüstet. Gespannt sein darf man vor allem, wie der Sturm mit den Superstars Denis Malgin und Sven Andrighetto sowie neu Simon Knak funktioniert. Da wird die eine oder andere gegnerische Defensive durcheinandergewirbelt werden und überfordert sein…
Für die ZSC Lions ist nur der Titel gut genug. Trainer Claude Julien wird seine Spieler antreiben und dafür sorgen, dass nicht der Schlendrian einzieht. Zudem ist Qualität schier ohne Ende vorhanden – von Goalie Simon Hrubec bis ganz nach vorne in den Sturm. Und auch hier gilt: Dank der finanziellen Power können die Zürcher bei Bedarf nachrüsten und Retuschen anbringen.
Viel Luxus in Genf
Wie die Zürcher kennt auch der Genève-Servette HC keine finanziellen Sorgen und verfügt über ein qualitativ hochstehendes Kader. Goalie Stéphane Charlin ist es zuzutrauen, dass er nach einer mittelmässigen letzten Saison zu alter Stärke zurückfindet. Hinter ihm steht mit Robert Mayer ein ehemaliger Meistergoalie bereit, der aber seine besten Zeiten hinter sich zu haben scheint. Auch in der Verteidigung ist Klasse vorhanden: Vili Saarjärvi wurde mit Finnland Weltmeister, der Tscheche Jan Rutta kann sich zweifacher Stanley Cup-Champion sowie Weltmeister nennen. Roger Karrer und Simon Le Coultre sind ebenso gestandene Verteidiger wie der in Bern nicht mehr erwünschte Ramon Untersander. Giancarlo Chanton hat ebenso Potenzial wie Mika Henauer – und Dave Sutter und Jérémie Bucheler sorgen für die physische Komponente.
Und auch der Sturm ist hochkarätig besetzt. Die Linie mit Liga-Topskorer Markus Granlund, Sakari Manninen und Jesse Puljujärvi sorgt bei den Fans für Zungenschnalzen und beim Gegner für Angstschweiss. Gemeinsam totalisierten sie in der letzten Regular Season 151 Skorerpunkte – ein Wahnsinn, gegen den an guten Tagen zuerst noch ein wirksames Gegenmittel erfunden werden muss.
So weit, so gut. Servette zählt wie der HCD und die ZSC Lions zu den heissesten Titelanwärtern. Doch es stellt sich auch die Frage, wie der neue Coach funktioniert. Der Schwede Sam Hallam war in den letzten vier Jahren in seiner Heimat Nationaltrainer – und gewann lediglich zwei WM-Bronzemedaillen. Bitter war zudem die 1:3-Niederlage im Mai 2026 im WM-Viertelfinal gegen die Schweiz, die natürlich für Skepsis sorgt. Gleichzeitig hat er in der Vergangenheit gezeigt, dass er erfolgreich sein kann, und wurde 2015, 2018 und 2021 mit Växjö schwedischer Meister. Und für den Fall, dass der Erfolg ausbleibt, steht mit dem aus Zürich gekommenen Assistenten Marco Bayer ein potenzieller Nachfolger bereit. Auch dies ist eine Luxuslösung.