«Bleibt «El Cholo» der Unvollendete?
Heute Abend steigt in Madrid der zweite Champions League-Halbfinal. Mit Atlético Madrid und Arsenal London – und Trainer Diego Simeone, dem Evergreen der Spanier, der am Dienstag 56 Jahre alt wurde und der bei Atlético sein Werk vollenden möchte.
Ende 2011 hat der Argentinier bei Atlético übernommen, es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Unter anderem zwei Meistertitel in Spanien stehen in seinem Palmarès. In seiner Statistik sind auch 129 Spiele mit «seinem» Klub in der Champions League zu finden – dabei hat er 65 Siege gefeiert. Zweimal reichte es auch für den Final: 2014, als es dann aber gegen den Stadtrivalen Real Madrid eine bittere Niederlage gab. Erst in der Nachspielzeit glich Sergio Ramos für Real aus – und in der Verlängerung siegten die Königlichen mit 4:1. Und dann auch wieder 2016, als erneut der Erzrivale die Oberhand behielt und im Penaltyschiessen triumphierte.
So ist diese Geschichte, die der Argentinier in Madrid schreibt, nach wie vor unvollendet. Das Happy-End fehlt noch, nachdem Simeone den Klub seit seiner Amtsübernahme 2011 beeindruckend geprägt und von einem ambitionierten spanischen Klub zu einer europäischen Spitzenmannschaft geformt hat. Und dies mit einer klaren Handschrift: Leidenschaft, Disziplin und kompromissloser Wille.
Kämpferisch und kompromisslos
Es sind Eigenschaften, die zu Simeone passen und die er selber schon als Spieler verkörpert hat. In seiner Karriere hat der zentrale Mittelfeldspieler, der in Europa bei Pisa, Sevilla, Atlético, Inter und Lazio unter Vertrag stand, nie durch Eleganz brilliert, aber er war aggressiv, clever, unermüdlich – und so im Gesamtpaket für jeden Gegner unangenehm. So ist auch Simeones Spitzname passend: «El Cholo» ist eine Beschreibung seines Charakters – kämpferisch, leidenschaftlich und kompromisslos.
Auch heute als Trainer setzt er auf ein perfekt organisiertes Kollektiv, eine kompakte Defensive, schnelles Umschaltspiel und Ordnung. Jeder Spieler kennt seine Rolle – und erfüllt sie kompromiss- und alternativlos. Das Team geht vor, Individualisten müssen sich diesem unterordnen. Und der Argentinier lebt diese Gemeinschaft mit Haut und Haar mit, gestikuliert oftmals an der Seitenlinie, treibt an, fordert und unterstreicht so seine Philosophie, die sich so kurz zusammenfassen lässt: Leiden, kämpfen, niemals nachlassen.
Kein Handschlag und schwarze Kleidung
Diego Simeone ist mehr als ein Trainer – er verkörpert Kampfgeist, Loyalität und eine klare Idee vom Fussball, in welcher Effizienz und Charakter zentral sind. Er hat seine Linie. So auch, dass er sich nach Spielende oftmals schnell in die Kabine zurückzieht. Einerseits aus Aberglaube, andererseits lehnt er, wie er einmal gesagt hat, den Handschlag mit dem gegnerischen Kollegen ab, weil die Geste nicht ehrlich sei: Der eine Trainer habe gewonnen, der andere verloren. Eine Linie hat er auch, wenn es darum geht, sich zu kleiden: Seit Jahren trägt er im Stadion an Spielen einen schwarzen Anzug, schwarze Schuhe, ein schwarzes Hemd und eine schwarze Krawatte.
Auch heute wird Simeone wieder schwarz tragen, sicher nicht aus Trauer, sondern mit der Hoffnung, dass der Finaleinzug gelingt. Es sei für Atlético immer «schwer», den Halbfinal oder Final der Champions League zu erreichen, aber: «Wir haben uns das durch harte Arbeit und mit der Unterstützung unserer Fans erarbeitet. Wir brauchen sie mehr denn je», sagte Simeone vor dem Halbfinal-Hinspiel im heimischen Hexenkessel Metropolitano. Und: «Es wird ein taktisches Spiel, ein mentaler Kampf, bei dem kleine Details alles entscheiden werden. Wir wissen, dass es sehr schwierig wird, aber wir sind bereit. Welche Energie Arsenal auch mitbringt – Atlético Madrid wird dagegenhalten.» Dass die Spanier Ende Oktober in der Ligaphase von den Gunners im Emirates Stadium gleich mit 0:4 abgefertigt wurden, spielt nun keine Rolle mehr. Im Halbfinal heisst es: neues Spiel, neues Glück – aber mit dem erstmaligen Gewinn der Champions League auch das alte Ziel des Coaches und des Klubs.