skysport.ch
Sky Sport

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Analysen Fussball

Der Hoffnungsträger einer ganzen Nation

Andy

Am Donnerstag bestreitet Jürgen Klopp gegen die Niederlande sein erstes Länderspiel als deutscher Nationaltrainer. Auf ihm lasten die Hoffnungen einer ganzen Fussball-Nation.

imago1083662040h
Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp versprüht beim ersten Zusammenzug gute Laune. © IMAGO / Schüler

Fussball hat in Deutschland einen grossen Stellenwert. Umso bitterer waren die Resultate zuletzt an Grossanlässen. An Weltmeisterschaften gab es seit dem Gewinn des WM-Titels 2014 keinen Grund zum Jubeln. In Russland (2018) und Katar (2022) scheiterte die Mannschaft jeweils schon in der Vorrunde. An der WM 2026 endete das Turnier dann in den Sechzehntelfinals – im Penaltyschiessen gegen den klaren Underdog Paraguay. Es war ein Schock. Schon bald war klar: Bundestrainer Julian Nagelsmann, der 2024 mit seinem Team auch an der Heim-EM nicht überzeugt hatte und im Viertelfinal an Spanien gescheitert war, muss weg. Er hatte immer mehr an Rückhalt verloren und durch sein bisweilen arrogant-schnippisches Auftreten in der Öffentlichkeit polarisiert.

Es gab nur einen: Jürgen Klopp

Die Suche nach dem passenden Nachfolger dauerte nur kurz, da es eigentlich nur einen ernsthaften Kandidaten gab: Jürgen Klopp. Der frühere Dortmund- und Liverpool-Trainer war an der WM als TV-Experte im Einsatz, überzeugte mit seinen Analysen und Meinungen und war der Wunschkandidat einer ganzen Nation. Eine andere Lösung war nie ein ernsthaftes Thema. Mit seinem Arbeitgeber Red Bull – er war beim Dosen-Giganten Global Sports Director – konnte rasch eine Einigung erzielt werden, Klopp unterschrieb einen Vertrag bis 2030.

Nun steht Klopp wieder im Rampenlicht. Am Donnerstag trifft er in der Nations League auf die Niederlande, am Sonntag auf Griechenland und in der Woche darauf zuerst auf Serbien und dann erneut auf Griechenland. Deutschland lechzt nach positiven Schlagzeilen des Nationalteams – und Klopp ist der grosse Hoffnungsträger. Er vereint sportliche Glaubwürdigkeit und Aufbruchsstimmung und soll eine neue Mannschaft formen. In Mainz, Dortmund und Liverpool hat er gezeigt, dass er Spielern eine klare Idee vermitteln und aus einem Team mehr herausholen kann.

Ausstrahlung als grosses Plus

Dazu kommt seine Ausstrahlung: Klopp kann Spieler für ein Projekt gewinnen und Fans wieder für die Nationalmannschaft begeistern. Wie stark dieser Effekt sein kann, zeigt Frankfurts Mittelstürmer Younes Ebnoutalib, der sich für Deutschland und nicht für Marokko entschied. Ein grosser Faktor bei diesem Entscheid war, dass Klopp Ebnoutalib anrief, wie der 21-Jährige nun erklärte. Mit einem Anruf des neuen Bundestrainers hatte der Angreifer überhaupt nicht gerechnet: «Ich habe mir gar nichts dabei gedacht. Ich dachte, vielleicht will er nur fragen, wie es mir geht.» Erst nach dem Gespräch wurde ihm die Tragweite des Moments bewusst, da seien ihm die Tränen gekommen. Dass ausgerechnet Klopp ihn zum deutschen Nationalteam holte, macht die Berufung für Ebnoutalib umso spezieller: «Er ist einer der besten Trainer der Welt. Er gibt uns positive Energie. Wenn Klopp anruft, muss man hingehen.»

Klopp steht bislang tatsächlich für Erfolg und leistete in Mainz, Dortmund und Liverpool beeindruckende Arbeit. Er führte Liverpool zum Gewinn der Champions League und zum ersten englischen Meistertitel seit 30 Jahren. Er hat eine klare Spielidee und kann einer Mannschaft vermitteln, wie sie gemeinsam verteidigt, den Ball erobert und nach vorne spielt. Er ist in der Lage, Spieler besser zu machen: Seine Erfolge beruhten auch darauf, dass es ihm gelang, ein funktionierendes Team aufzubauen. Gerade im Umbruch ist das wichtiger als die Suche nach einem einzelnen Retter. Er ist ein Menschenfänger im positiven Sinn, nimmt das Umfeld mit auf die Reise und erreicht Spieler und Publikum. Das kann nach dem enttäuschenden WM-Aus gegen Paraguay neue Energie freisetzen.

Es gibt durchaus Argumente, weshalb Klopp erfolgreich sein kann, auch wenn er noch nie als Nationaltrainer gearbeitet hat und nun deutlich weniger Trainingszeit hat als bei einem Klub, um den Spielern seine Philosophie und seine Wünsche einzutrichtern. Seine Assistenten Peter Krawietz und Pepijn Lijnders haben aber bereits in Liverpool mit Klopp zusammengearbeitet, was bei der schnellen Umsetzung von Ideen hilfreich sein kann. Klopp besitzt einen Vertrag bis 2030 und kann deshalb langfristig planen. Und er hat die volle Rückendeckung des Verbands. Zudem schaut er sich neue Spieler an, wie sein erstes Aufgebot von 44 Spielern für die vier Länderspiele im September und Oktober zeigt.

Das Lob von Matthias Sammer

Dabei sind auch Spieler, bei denen er Entwicklungspotenzial sieht, die aber aktuell noch nicht zwingend eine grosse Rolle spielen sollen. Dafür fehlt im XXL-Kader der Name Deniz Undav. Der Stuttgart-Stürmer hatte an der WM für Schlagzeilen gesorgt, weil Coach Julian Nagelsmann für den Geschmack vieler Fans zu wenig auf ihn gesetzt hatte. Während Nagelsmann dafür kritisiert wurde, wird das Nicht-Aufgebot bei Klopp nun akzeptiert oder beispielsweise durch Matthias Sammer ausdrücklich gelobt. «Willkommen im Leben, willkommen im Leistungssport, willkommen in der Brutalität, auch bei Veränderungen», erklärte Sammer und machte klar, dass er von Krediten aufgrund vergangener Leistungen nichts hält. «Wenn du Kredite willst, musst du zur Bank gehen. Alles andere musst du dir neu erarbeiten. Jürgen Klopp ist, und ich liebe das, im Leistungssport nicht kompromissbereit. Er ist kompromisslos.»

Der neue Bundestrainer habe eine klare Vorstellung davon, wie seine Mannschaft spielen solle und welche Qualitäten die Spieler dafür benötigten: Laufstärke, Intensität und eine sofortige Reaktion bei Ballverlust. Das seien Eigenschaften, die Undav in der neuen Saison noch nicht ausreichend gezeigt habe. Klopp betonte allerdings, dass dieser Entscheid lediglich eine Momentaufnahme sei.

In der Vergangenheit hat Jürgen Klopp gezeigt, dass er Menschen für eine gemeinsame Aufgabe gewinnen und ihnen zugleich genau sagen kann, was er von ihnen erwartet. Sein Erfolg als Bundestrainer hängt nun davon ab, ob er diese Qualitäten auch in der kurzen gemeinsamen Zeit mit der Nationalmannschaft einbringen kann. Die Erwartungen sind gewaltig. Bereits das erste Länderspiel am Donnerstag gegen die Niederlande liefert eine erste Standortbestimmung.

Bewerte den Artikel
0 Bewertungen
Ihre Stimme wird gezählt.

News-Feed

Lesen Sie auch

Mehr anzeigen

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Copyright Sky Schweiz SA © 2001-2026. Erstellt von EWM.swiss