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Von Torjägern und Schiessbuden: Die SL-Zwischenbilanz nach 9 Runden

Patrick

Tore gab es reichlich. Überraschungen ebenso. Trainersitze und Goalies wackelten zuweilen so rasch wie bedenklich, und am Ende schoss Geld nach einem Jahr Pause auch in der Super League wieder Tore. Vier Entwicklungen, die uns im ersten Meisterschaftsviertel aufgefallen sind.

Keystone_Anthony Anex_Vom Transferflop zum Topskorer_ Samuel Essende no 9X bejubelt seinen Hattrick gegen Servette
Grund zum Jubel: In Sachen Toren (hier Samuel Essende und YB) kann der Super League aktuell fast niemand das Wasser reichen © KEYSTONE / Anthony Anex

Auf Rekordkurs

Für einmal ist sie wirklich die Beste: Unsere Super League, die knapp einen Monat nach dem Start der wichtigsten Fussball-Ligen Europas so viele Tore pro Spiel (3,87) liefert, wie derzeit keine andere namhafte Liga auf unserem Kontinent. Am nächsten kommen der Super League aktuell die niederländische Eredivisie (3,81) und die Bundesliga (ebenfalls 3,81), auf Rang 9 folgt im Ranking die Premier League (2,82 Tore pro Spiel). Oder etwas ketzerisch ausgedrückt: All die millionenschweren Spieler und Klubs in der populärsten und reichsten Fussball-Liga der Welt produzieren derzeit pro Partie rund einen Treffer weniger als die Schweizer Beletage.

Natürlich: Defensive Qualität hat ihren Preis, und dass diese hierzulande in dieser Spielzeit bislang deutlich schlechter mit der offensiven Schaffenskraft mithalten kann als in den Jahren zuvor, sieht man auch an zwei weiteren, liganinternen Vergleichen. So sind die derzeitigen Liga-Topskorer Samuel Essende (auf Kurs für über 40 Tore), Winsley Boteli und Zan Celar (auf Kurs für knapp 25 Tore) so gut unterwegs, wie nur selten SL-Torjäger zuvor. Und natürlich ist die Liga als Ganzes auch auf direktem Weg, um einen neuen Neuzeit-Rekord aufzustellen. Der Vorsprung gegenüber der bislang trefferreichsten Saison (3,33 pro Spiel in der Saison 2009/2010) beträgt aktuell knapp über ein halbes Tor pro Spiel oder – etwas weniger abstrakt ausgedrückt – drei Treffer pro komplettem Spieltag.

 

Unter Dauerbeschuss

Zu den grossen Gewinnern des derzeitigen Ungleichgewichts zwischen Defensive und Offensive könnten theoretisch sie gehören: die Super-League-Torhüter. Bislang ist allerdings genau das Gegenteil der Fall. Mit ihren überdurchschnittlich fehlerhaften Leistungen tragen die bislang 21 (!) eingesetzten Schlussmänner viel eher zum Trend der vielen Tore bei, als dass sie diese ihrer Stellenbeschreibung entsprechend verhindern würden – und das quasi quer durch die Liga. Simon Simoni (FCL) und Justin Hammel (GC) wirkten in den ersten Spielen mehrfach verunsichert und wurden seither ersetzt. Aber auch deren Nachfolger Marvin Hübel (GC) und Karlo Letica (Luzern) konnten sich nicht komplett schadlos halten – was auch für bewährte Kräfte wie Anthony Racioppi (Sion) oder die SL-Neulinge Benjamin Büchel (Vaduz) oder Edvinas Gertmonas gilt. Selbst WM-Teilnehmer wie Marvin Keller (YB) oder Lawrence Ati-Zigi (St. Gallen) blieben bislang von Kritik nicht verschont, wobei sich diese weniger auf eindeutige Patzer als auf generelle Mängel im Torhüterspiel und auf Schüsse bezog, welche Keeper ihrer Klasse auch schon einmal gehalten haben. Zufrieden mit den Leistungen ihrer Torleute dürften die Klubs bislang einzig beim FCZ (Silas Huber/Heinz Lindner) und in Lugano (David von Ballmoos/Felix Gebhardt) sein, was bei beiden Vereinen auch damit zusammenhängen dürfte, dass ihnen der Saisonstart mehr oder weniger den Erwartungen entsprechend geglückt ist.

 

Keystone_Urs Flueeler_Die Luft ist draussen_Mit ex-GC-Trainer PZ musste gestenr bereits 2 trainer gehen
Die Luft ist draussen: Ex-GC-Trainer Peter Zeidler, der bereits zweite entlassene SL-Trainer der noch jungen Saison (Keystone / Urs Flueeler)

Reich, dominant und ungeschlagen

Noch vor einem Jahr war alles anders. Da führte ein minderbemittelter Aufsteiger und späterer Meister wie der FC Thun die Tabelle der Super League an, während Giganten wie die Berner Young Boys, Lugano oder (später) der FC Basel um den Anschluss kämpften. Und jetzt? Schiesst Geld auch in der Super League wieder die meisten Tore. Zwar immer noch nicht in Basel, aber dafür in der Bundesstadt sowie im Tessin, wo zwei der drei wertvollsten SL-Kader beheimatet sind. Ist eine Rückkehr zu den letztjährigen Verhältnissen in dieser Spielzeit noch möglich? Natürlich, aber sehr unwahrscheinlich. Zu dominant sind die bisherigen Auftritte von Gelb-Schwarz (5 Siege, 4 Unentschieden) und den Bianconeri (8 Siege, 1 Unentschieden), und das trotz löchriger Abwehr (bei YB) und europäischer Mehrbelastung (bei Lugano), die im Falle der Tessiner bislang aber auch so etwas wie eine positive Eigendynamik ausgelöst hat. Denn die Luganesi verlieren nicht mehr, nicht in Unterzahl, nicht auswärts und nicht nach Rückständen, und das seit mittlerweile bereits 16 Spielen. Spricht da überhaupt noch etwas für die aktuell bis auf YB und Sion bereits distanzierte Konkurrenz? Vielleicht die individuelle Klasse im Kader der Berner, in welchem sich nicht weniger als fünf der zehn wertvollsten Super-League-Kicker tummeln. Erleiden die Young Boys aber weiterhin Gegentore und Punktverluste wie gegen Lausanne (2:2), Basel (3:3) oder Luzern (3:3), werden auch sie die Distanz zu Lugano (6 Punkte) nicht entscheidend verringern können.

 

Zwei sind schon weg – wann fliegt der Nächste?

Pünktlich zum Herbstanfang hat in der Super League auch das alljährliche Trainer-Flugwetter Einzug gehalten. Klar, die Beziehung zwischen dem FC Basel und Stephan Lichtsteiner (27 Spiele, 1,27 Punkte/Spiel) stand schon zum Ende der vergangenen Spielzeit auf wackeligen Beinen, dass sie dann aber nicht und nun dennoch beendet wurde, verwundert dann doch. Warum nicht einfach die Sommerpause für eine Neuausrichtung nutzen, anstatt das jetzt nachzuholen? Natürlich stehen wir jetzt gerade am Anfang einer dreiwöchigen Meisterschaftspause. Ihren neuen Trainer haben die Bebbi aber auch nach knapp zweiwöchiger Suche noch nicht finden können.

Ähnlich gestaltet sich die Situation auch bei den Zürcher Grasshoppers. Sie entliessen gestern Montag ihren Cheftrainer Peter Zeidler und damit die letzte Führungsperson, welche noch unter den alten Besitzern des Los Angeles FC eingestellt worden war. Damals, in Zeiten des drohenden Abstiegs, den der 64-Jährige aber gemeinsam mit seiner Mannschaft in der Barrage noch abwenden konnte. Seitdem haben die spielstärksten Elemente des letztjährigen Tabellenelften den Verein verlassen und wurden von der Bridge Football Group, der neuen Besitzerin des Rekordmeisters, nur ungenügend ersetzt. Dementsprechend müsste der aktuelle 10. Tabellenrang den Erwartungen eigentlich entsprechen – tut das aber nicht. Denn nachdem die Hoppers in der virtuellen Tabelle des 8. Spieltags nach 60 Minuten (2:1-Führung gegen Sion) noch auf den dritten Sieg in vier Spielen und auf Rang 5 schielen durften, führten neun (!) Gegentore in den nächsten 120 Spielminuten zu zwei Kanterniederlagen und zum Ende von Zeidler. Ob der nächste, bereits 6. GC-Trainer in den letzten zweieinhalb Jahren die Hoppers endlich wieder in die Spur bringen wird? Mit viel Geduld sollte er auf dieser Mission besser nicht rechnen.

So ganz überraschend kam sie aber nicht, die zweite Trainerentlassung der aktuellen SL-Spielzeit. Nur, dass Beobachter sie anstatt am Zürichsee wohl eher am Genfersee antizipiert hatten, wo Neo-Lausanne-Coach Luka Elsner nach sieben sieglosen Spielen und dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz arg in den Seilen hängt. Dabei war der in der Schweiz unbekannte Slowene im Sommer angetreten, den notorisch launisch-talentierten Vaudois so etwas wie Stabilität und Konstanz beizubringen, was zumindest in der eigenen Platzhälfte nicht ganz so schlecht klappte. Immerhin stellt Lausanne-Sport derzeit die viertbeste Defensive der Liga (15 Gegentore), was vom letzten Tabellenplatz und der mit Abstand ineffektivsten Offensive der Liga (7 Tore) aber bei Weitem überschattet wird. Es scheint offensichtlich, wo der Slowene den Hebel anzusetzen hat, vorausgesetzt, er erhält dafür auch die eigentlich vorhandene Zeit. Es würde jedoch nicht gänzlich überraschen, sollte sich Elsner noch im Laufe dieser Woche zu den beiden Kollegen Lichtsteiner und Zeidler auf die Trainerersatzbank begeben. Dass die Waadtländer im Sommer transfertechnisch arg Federn lassen mussten (u. a. Abgänge der Leistungsträger Karlo Letica, Sékou Fofana, Jamie Roche und Gaoussou Diakité), dürfte dabei ähnlich wie in Zürich nur bedingt ins Gewicht fallen.

 

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