Der türkische Albtraum
Im Jahr 2026 wollte das türkische Nationalteam endlich wieder einmal für positive Schlagzeilen sorgen und die Fans glücklich machen. Doch aktuell herrscht nur der Frust.
Im Sommer war die türkische Nati erstmals seit 24 Jahren wieder an einer WM-Endrunde dabei. Und da lebte auch die Hoffnung auf sportliche Grosstaten. So wie damals, 2002, als Hakan Sükür und seine Kollegen am Ende den dritten Platz belegten, nachdem sie im Halbfinal 0:1 gegen den späteren Weltmeister Brasilien verloren hatten. Träumen schien auch nun wieder erlaubt zu sein, zumal im Nationalteam namhafte Stars wie Arda Güler (Real Madrid, Marktwert 100 Millionen Euro), Kenan Yildiz (Juventus, 75 Millionen), Can Uzun (Frankfurt, 45 Millionen) oder Ferdi Kadioglu (Brighton, 35 Millionen) standen. Die Euphorie fürs Nationalteam war riesig, manche sprachen von der besten türkischen Mannschaft aller Zeiten. Das türkische Team wurde vor der Abreise zur WM 2026 von einem riesigen Autokorso von Fans an den Istanbuler Flughafen begleitet.
Sang- und klangloses WM-Out
Doch das Turnier endete statt im Freudentaumel im grossen Frust und mit einem sang- und klanglosen Ausscheiden. Nach Niederlagen gegen Australien und Paraguay und einem knappen Sieg gegen die USA waren bereits nach der Vorrunde alle Träume vorbei. Das brutale Verdikt stand nach zwei Spielen fest, der Sieg gegen die USA war nur noch ein Trostpflaster. «Wir sind richtig, richtig traurig, es ist auch beschämend. Wir entschuldigen uns bei unserem Volk», sagte Top-Star Arda Güler danach: «Wir weinen in der Kabine. Wir müssen alles tun, um das wieder gutzumachen.»
Die Wiedergutmachung sollte nun im Herbst in der Nations League beginnen. Erstaunlicherweise weiterhin unter der Leitung von Trainer Vincenzo Montella, der entgegen der meisten Erwartungen nicht gefeuert wurde. So erhielt er in den Spielen gegen Frankreich, Italien und Belgien die Gelegenheit zu zeigen, dass doch nicht alles schlecht ist. Doch stattdessen gab es die nächsten Pleiten: 0:1 daheim gegen Frankreich und 1:4 gegen Italien, auswärts ein 0:3 in Belgien und ein 1:3 in Italien. Vier Niederlagen in Folge – das hatte es seit 38 Jahren nicht mehr gegeben.
Angezählter Montella
Natürlich steht Trainer Montella, der schon während des Spiels in Bologna mit «Montella, tritt zurück!»-Rufen bedacht wurde, wieder in der Kritik und ist angezählt. «Selbst wenn wir 44 Spiele gespielt hätten, hätten wir sie wohl alle verloren», schrieb Hürriyet nach den vier Niederlagen. «Man kann ein Spiel verlieren, aber man braucht eine Identität und einen klar definierten Spielstil.» Die türkische Mannschaft wirke dagegen «sehr unorganisiert».
Montella gab sich nach dem Match dagegen noch trotzig. Er spüre «die Unterstützung und Zuneigung», die ihm und den Spielern entgegengebracht werde, immer noch, sagte er. Im Stadion gebe es manchmal Reaktionen, «aber egal, wohin wir gehen, hinter uns steht eine ganze Armee», erklärte der Italiener auf der Verbandshomepage.
In der breiten Masse scheint der Daumen aber bereits gesenkt worden zu sein. Für die türkische Zeitung Hürriyet ist klar: Montella muss weg. «Die Tage der Qualen sind vorbei – damit auch die für Montella vorgesehene Zeit», hiess es in der Zeitung unmissverständlich. Und: «Das Jahr 2026 begann grossartig, wurde dann aber zum Albtraum!» Man habe in den WM-Playoffs noch Rumänien und den Kosovo besiegt, doch «danach gab es für uns nichts mehr zu lachen».
Im November endet das Länderspieljahr für die Türkei mit den Nations League-Spielen gegen Belgien und Frankreich. Dann geht es einzig und allein darum, den Anstand zu wahren und die Kampagne nicht ohne Punkt zu beenden. Ob Montella dann noch immer als Nationaltrainer die Verantwortung tragen wird, scheint nicht nur fraglich, sondern unvorstellbar. Zumal der Ligaerhalt noch theoretisch möglich, aber doch unrealistisch ist. Um den Abstieg noch abzuwenden, müsste die Türkei im November am fünften Spieltag Belgien zumindest mit drei Toren Differenz schlagen. Danach bräuchte es zusätzlich einen Sieg in Frankreich und Hilfe Italiens gegen Belgien.
Immerhin können sich die türkischen Fussballfans an der heimischen Süper Lig freuen. Im Sommer starteten die Klubs eine grosse Transferoffensive und lockten Stars wie Mohamed Salah, Mason Greenwood, Rafael Leão oder Dusan Vlahovic ins Land. Es ist aber nur ein schwacher Trost für den getroffenen Nationalstolz und die geschundene Fussballseele.