Meister auf Abwegen: So läuft es den Thuner Meisterhelden in dieser Saison
Gestern ist nicht heute – das weiss man beim letztjährigen Sensationsmeister FC Thun ganz genau. Denn anstatt um die Titelverteidigung spielen die Berner Oberländer in dieser Saison maximal gegen den Fall in die Relegation Group, was einigermassen den Erwartungen entspricht. Schliesslich verloren die Thuner in der Sommerpause nicht weniger als acht tragende Säulen ihrer Meistermannschaft. Wie ergeht es eigentlich denen in neuen Gefilden? Wir haben uns umgeschaut.
Der Kultur-Wechsler
In Thun war er der Baumeister. Jener Mann, der die Oberländer vom Tabellenmittelfeld der Challenge League an die Spitze der Super League führte. Nur: In Thun bekam Mauro Lustrinelli zur Vollendung seines Meisterwerks vier Jahre Zeit, bei Union Berlin – wo der gebürtige Tessiner seit dem 1. Juli arbeitet – steht er bereits nach vier Spieltagen in der Kritik. Natürlich, weil die Resultate (3:3 vs. Frankfurt, 0:4 bei Bayer Leverkusen, 1:3 vs. Schalke, 0:7 bei Bayern) fehlen. Und trotzdem irgendwie auch verwunderlich, wurde Lustrinelli doch mit dem expliziten Auftrag an die Alte Försterei geholt, den «Eisernen» ein neues, spielerisch stärkeres Gesicht zu verpassen. Bislang mit ernüchterndem Ergebnis und einem Kader, der für die Art von Kulturwechsel, wie er Lustrinelli und der Köpenicker Führungsetage vorschwebt, möglicherweise nicht gemacht ist. Am Samstag folgt nach drei Wochen Pause ausgerechnet gegen Aufsteiger SV Elversberg die Probe aufs Exempel. Geht auch Spiel #5 verloren, könnte es für den Thuner Meistertrainer in der deutschen Hauptstadt noch einmal deutlich enger werden.
Der Spitzenreiter
Der möglicherweise unerwarteste – weil steilste – Thuner Aufsteiger der Vorsaison: Mittelstürmer Elmin Rastoder, bei GC und in Vaduz gescheitert und dann in seiner zweiten Saison im Oberland plötzlich mit 15 Treffern und sechs Vorlagen. Kein Wunder, nutzte der 24-Jährige diesen Sommer die grosse Chance, sich nach der mit Abstand besten Spielzeit seiner Karriere neu zu orientieren. Fündig wurde er in Athen, beim je 20-fachen griechischen Meister und Cupsieger Panathinaikos, wo der gebürtige Wetziker einen Vertrag bis 2030 unterschrieb. Und zumindest eines ist für Rastoder in der griechischen Hauptstadt gleich geblieben: Auch bei Panathinaikos ist der nordmazedonische Neu-Nationalspieler Teil des bisherigen Überfliegers der Saison, gestartet mit fünf Siegen aus fünf Partien. Weniger gross ist hingegen der Anteil des Stürmers am perfekten Start der «Prasini». In vier Teileinsätzen stand Rastoder bislang 15 Minuten auf dem Platz und erzielte dabei ein Tor.
Der Stabilisator
Der 24. August war ein besonderer Tag in der jüngeren Geschichte des FC Thun. Denn an jenem Montag verabschiedete sich der amtierende Meister von gleich zwei Leistungsträgern, die den Sprung ins Ausland wagten. Einer davon war Michael Heule, 25-jähriger Linksverteidiger, der für rund 2,75 Mio. Euro zum 1. FC Heidenheim in die 2. Bundesliga wechselte. Der war im Mai nach drei Jahren als Erstligist abgestiegen, hatte den Saisonstart mit drei Punkten aus zwei Partien mehr schlecht als recht hinter sich gebracht und war tags zuvor im Pokal am Viertligisten FC Jeddeloh II mit 2:5 gescheitert. Und nun sollte ausgerechnet ein Rheintaler Grünschnabel die Wende bringen? Wohl nur bedingt, aber trotzdem äusserst effektiv. Denn mit Heule hinten links ging es tatsächlich plötzlich aufwärts, man spielte zweimal zu null und holte aus den nächsten vier Partien satte zehn Zähler. Neu grüssen die Heidenheimer von Rang 3 (6 Spiele / 13 Punkte) und Heule hat auch nach knapp eineinhalb Monaten im Osten Baden-Württembergs noch keine einzige Spielminute verpasst. Entsprechend gilt für Verein und Spieler: So kann es gerne weitergehen.
Der verloren Gegangene
Der schmerzhafteste der vielen Thuner Verluste diesen Sommer? Ohne Frage Captain Leonardo Bertone, der den Emporkömmling nach vier gemeinsamen Jahren ausgerechnet in Richtung Luzern verliess. Ein Wechsel also, den man zum damaligen Zeitpunkt durchaus als sportlichen Rückschritt betrachten konnte und der die Berner Oberländer ihres Kopfes und Herzens im Zentrum beraubte. Wer weiss, ob der Titelverteidiger auch mit Bertone die CL-Partie bei Dinamo Zagreb aus der Hand gegeben hätte? Klar scheint auf alle Fälle, dass sich der FCL (Rang 6, 12 Punkte) derzeit auch aufgrund des neuen starken Mannes im defensiven Mittelfeld in der Tabelle ein paar Ränge vor dem FC Thun (Rang 9, 10 Punkte) befindet, auch wenn Bertone in der Zentralschweiz bislang noch nicht so prägend auftritt wie noch in der Vorsaison (11 Tore/2 Assists in der produktivsten Spielzeit seiner Karriere).
Der Stammspieler
Einer der Thuner Meisterhelden, die sich nach ihrem Wechsel ins Ausland rasch festspielen konnten, ist etwas überraschend Valmir Matoshi. Der 23-jährige kosovarische Neo-Internationale gehörte im vergangenen Jahr trotz 34 Einsätzen nicht zum ganzen harten Kern der Berner Oberländer Meistermannschaft, fasste im Ausland nun aber ziemlich schnell Fuss. Matoshi wechselte wie Heule am 24. August, und zwar in die österreichische Bundesliga, zu Sturm Graz. Beim Meister der Jahre 2024 und 2025 (und letztjährigem Vizemeister) konnte sich der zentrale Mittelfeldspieler schnell ins Team spielen und stand in den letzten beiden Meisterschaftsspielen vor der Länderspielpause in der Startaufstellung. Der neue Trainer Fabio Ingolitsch (34) scheint am gebürtigen Thuner Gefallen gefunden zu haben.
Der Minuten-Sammler
Gleiches kann Ethan Meichtry definitiv noch nicht von sich behaupten. Natürlich wechselte das 20-jährige Mittelfeld-Talent auch zu CFC Genua in die Serie A, 47 Spielminuten in vier Teileinsätzen für den ligurischen Abstiegskandidaten (derzeit Rang 19 mit einem Punkt aus fünf Spielen) sind allerdings nicht ganz das, was sich der Berner Oberländer, der in Italien mit einem Vierjahresvertrag ausgestattet wurde, erhofft haben dürfte. Zu allem Überfluss hat sich Meichtry nun auch noch im Training mit der U21-Nationalmannschaft an der Hüfte verletzt, weshalb er vorzeitig nach Genua zurückkehrte. Vielleicht kann er die zusätzlichen Tage in der Hafenmetropole nutzen, um rasch wieder auf den Platz zurückzukehren und sich vermehrt bei Trainer Daniele De Rossi aufzudrängen.
Der (ein wenig) Vergessene
Als Christopher Ibayi im Januar 2025 ins Berner Oberland wechselte, war das keine grosse Schlagzeile wert. Und ähnlich verhielt es sich auch diesen August, als der französisch-kongolesische Doppelbürger nach eineinhalb Spielzeiten beim FC Thun weiterzog. Ein möglicher Grund: Der 31-jährige Routinier verlor im Verlauf der vergangenen Rückrunde irgendwie seine Torgefahr (9 Treffer in der Vorrunde, noch 1 Tor in der Rückrunde) und so schliesslich auch seinen Stammplatz. So überraschte Ibayis Abgang am 7. August nur bedingt. Bei MAS Fès wartet der fünffache kongolesische Internationale bislang allerdings ebenfalls noch auf seine ersten Spielminuten in der Meisterschaft. Immerhin reüssierte der Mittelstürmer dafür direkt beim ersten Teileinsatz in der afrikanischen Champions League. Beim 4:1 gegen den Rahimo FC (Burkina Faso) netzte Ibayi zum Schlussresultat ein.
Der Wartende
Vielleicht erfüllt sich sein Versprechen ja doch noch. Auf alle Fälle ist Kastriot Imeri, vor seiner Zeit bei den Berner Young Boys als grosses Talent gehandelt, über den Umweg FC Thun nun doch noch in einer grossen Liga angekommen. Und zwar hat er seinen Trainer Mauro Lustrinelli mit etwas Verspätung (und einer Kurz-Rückkehr zu YB) nach Berlin zu Union begleitet. Suboptimal war daran einzig, dass sich Imeri im dritten SL-Spiel für YB verletzte und deshalb noch immer auf sein Bundesliga-Debüt wartet. Zuletzt stand er beim 0:7 gegen Bayern München zum ersten Mal wieder im Berliner Kader und könnte möglicherweise dieses Wochenende gegen Aufsteiger Elversberg zum ersten Mal für die Eisernen auf dem Platz stehen. Vielleicht zum genau richtigen Zeitpunkt, um Lustrinelli und seinen Köpenicker Teamkameraden zum ersehnten und ebenso wichtigen ersten Saisonsieg zu verhelfen.