Ein letzter Blick zurück: Warum für die Nati sogar noch mehr möglich gewesen wäre
Noch einmal badete die Schweizer Nationalmannschaft heute im Applaus. Nach der Landung in Zürich strömten Tausende Fans herbei, um ihren Helden Danke zu sagen – Danke für ein WM-Turnier, das mit dem Vorstoss ins Viertelfinale die Erwartungen erfüllte. Und doch bleibt ein fast sehnsüchtiger Gedanke zurück: Hätte diese Nati an der WM in Nordamerika nicht noch höher fliegen können? Wir glauben schon – und liefern dafür auch ein paar Argumente.
Breel Embolo und der Platzverweis dieses Turniers
Schon vor dem Viertelfinal-Krimi am frühen Sonntagmorgen zeichnete sich ab, dass diese WM für Breel Embolo kein triumphaler Sololauf werden würde. Der physisch für gewöhnlich dominante Rennes-Legionär, der im vergangenen Herbst noch entscheidenden Anteil an der erfolgreichen WM-Qualifikation gehabt hatte, wirkte in Nordamerika eher wie ein prominenter Passagier, denn als unumstrittener Anführer des Schweizer Sturms. Trotz ordentlichen Statistiken (zwei Tore, zwei Assists) fehlte es ihm am letzten Quäntchen Klasse und Form, um seinen unbestrittenen Wert für die Mannschaft auch auf der ganz grossen Bühne unter Beweis zu stellen. Zwar rieb er sich in den Abwehrreihen auf, ging weite Wege und steuerte die besagten vier Skorerpunkte bei, ein entscheidender Faktor war der 29-Jährige – auch aufgrund der teilweise zu vorsichtigen Schweizer Spielweise – jedoch nicht. Zumindest nicht in positiver Hinsicht. Einen Embolo ohne grosse offensive Akzente, hätte die Schweiz gegen Argentinien vermutlich kompensieren können. Einen Embolo, der sein Team personell schwächt, jedoch nicht.
Johan Manzambi und die Verletzung zur Unzeit
Er war der helle Stern am Schweizer WM-Himmel: Johan Manzambi. Mit drei Toren und zwei Vorlagen in nur vier Partien avancierte der erst 20-jährige Shootingstar zum ultimativen „Difference Maker“ im Schweizer Kollektiv. Doch ausgerechnet in der allerletzten Aktion des Abschlusstrainings vor dem Achtelfinal gegen Kolumbien verletzte sich der Genfer – und liess eine Schweizer Offensive in Schockstarre zurück. Denn mit Manzambis Ausfall erlosch die spielerische Unberechenbarkeit und Effektivität in der Nati-Offensive, ein Umstand, den auch die Statistik belegte. Im gesamten Turnierverlauf glückte der Schweiz ohne den Jungspund genau ein Treffer (von insgesamt zehn). Was mit dem neu teuersten Schweizer Fussballer u.a. auch gegen Argentinien möglich gewesen wäre, werden wir leider nie erfahren. Immerhin bleibt als Trost der Blick in die Zukunft: Entwickelt sich Manzambi auch in der Premier League positiv weiter, dürfte die Schweiz in den kommenden zehn bis zwölf Jahren noch viel Freude am Neo-Villan haben.
Rieder, Jashari, Okafor, Amenda und die verpasste Integration
Fabian Rieder, Ardon Jashari, Noah Okafor und Aurèle Amenda stehen sinnbildlich für das Potenzial, das in der Pipeline des Schweizer Fussballs schlummert. Alle vier kicken nebst der Nationalmannschaft längst in Europas Top-Ligen, doch beim Turnier in Nordamerika kamen sie mit Ausnahme des Augsburgers Rieders abermals nicht über eine unbedeutende Nebenrolle hinaus. Dass Abwehrtalent Amenda im Schlepptau des magistralen Abwehrbollwerks um Manuel Akanji und Nico Elvedi keine Einsatzzeit erhielt, mag noch verständlich sein. Schmerzhafter aber wog das ungenutzte Potenzial im Mittelfeld und Sturm, fand das Trainerteam doch auch für potentielle Unterschiedsspieler wie Ardon Jashari und Noah Okafor kaum Platz. Speziell in den besonders zähen Phasen der K.o.-Duelle hätte ein wenig mehr spielerische Klasse, Physis und Frechheit das zu statische Schweizer Spiel beleben können, beide bekamen aber weder in der Vorbereitung noch am Turnier selbst ausreichend Gelegenheit, um dies zu zeigen. Das ist insbesondere im Fall des in dieser Saison erstarkten Premier-League-Stürmers ein Versäumnis, dass kaum nachvollziehbar ist.
Noah Okafor, die ungenutzte Trumpfkarte
Es ist eine Frage, die nachhallt: Welchen Stellenwert besitzen 28 Spiele, acht Tore und eine Vorlage in der besten Liga der Welt eigentlich im Nationalteam? Zumindest an dieser WM lautete die ernüchternde Antwort dazu: fast keinen. Kümmerliche 25 Minuten durfte Okafor während der WM auf dem Rasen stehen – und das, obwohl seine Athletik, sein Tempo und seine Abschlussstärke in vielen engen Spielphasen eine ideale Alternative für die stotternde Schweizer Offensive hätten sein können. Vor allem im Viertelfinal gegen Argentinien, als die Schweiz nach Embolos Platzverweis nahezu sämtliche Offensivbemühungen einstellte, hätte Okafor eine gute Wahl sein können, um trotz mangelnder Unterstützung den einen oder anderen Nadelstich zu setzen. Sicher die Bessere, als es der zuvor dauerverletzte Amdouni, YB-Akteur Fassnacht oder der eher in der Box starke Itten im gesamten Verlauf des Turniers waren. Doch die sportliche Führung entschied sich schlussendlich anders. Eine Massnahme, die der Schweiz vermutlich schon vor dem Duell mit dem Weltmeister die eine oder andere Torgelegenheit gekostet haben dürfte.
Murat Yakin und der Erfolg, der nur bedingt die Mittel heiligt
Mit dem Einzug ins WM-Viertelfinale hat sich Murat Yakin seinen Platz in den Schweizer Geschichtsbüchern gesichert. Denn statistisch ist der 51-Jährige nun der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer der letzten 60 Jahre – ein Verdienst, der ihm für seine Fähigkeit gebührt, sein Team am Ende doch immer wieder in der Spur zum Erfolg zu halten. Und dennoch mischt sich unter die Reaktionen von Beobachtern und Fans auch immer wieder Erstaunen über die bisweilen eigenwilligen Entscheidungen des Baslers. Schon der holprige Auftakt gegen Katar (1:1) offenbarte eine gewisse Experimentier- und Wechselfreudigkeit, die der Nati nicht nur gut tat, was sich schliesslich auch in den Partien gegen Kanada (2:1) und Argentinien wiederholte.
Yakins unbestrittene Stärke, ein Team mit einer sattelfesten Defensive und einer über weite Strecken guten Struktur auf die Beine stellen zu können, wurde gerade in der «Crunch Time» wiederholt zum (zu) engen Korsett, dass die Schweiz fast schon dazu zwang, sich drückenden Gegnern erst sehr tief und ohne eine grosse Chance auf Entlastung entgegen zu stellen. Speziell im Viertelfinale stand die Schweizer Offensivabteilung nach Yakins Entscheid auf ein ultra-defensives 5-3-1-System umzustellen, so komplett auf verlorenem Posten. Und das gegen ein alles andere als unwiderstehliches Argentinien. So bleibt am Ende nur ein bittersüsses Gefühl des Bedauerns, dass sich die Schweiz just in jenem Moment, in dem sie alles hätte gewinnen können, dazu entschied, in erster Linie zu spielen, um nicht zu verlieren. Wer weiss was für die Schweiz und ihren Trainer ansonsten an diesem Turnier noch hätte möglich sein können?