skysport.ch
Sky Sport

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Analysen Fussball

Erst Vorschlusslorbeeren – jetzt die Taten

Andy

Am Sonntag beginnt für Mauro Lustrinelli das Abenteuer so richtig: Der Thuner Meistertrainer trifft mit Union Berlin im DFB-Pokal auf den Zweitligisten Eintracht Braunschweig. Und eine Woche später startet er gegen Eintracht Frankfurt in die Bundesliga. Es wird eine herausfordernde Saison.

imago1081344484
Mauro Lustrinelli zeigt nun bei Union Berlin, wo es langgehen soll. © IMAGO / Nordphoto

Nach seiner Amtsübernahme in Berlin wurde Mauro Lustrinelli als «Wundervollbringer» bezeichnet und mit dem legendären Trainer Otto Rehhagel verglichen. Schliesslich hatte Lustrinelli in Thun das Kunststück vollbracht, den Aufsteiger zum Meistertitel zu führen. Dasselbe war Rehhagel im Jahr 1998 mit dem 1. FC Kaiserslautern gelungen.

Es sind grosse Vorschusslorbeeren, denen Lustrinelli nun Taten folgen lassen muss, zumal die Resultate in der Vorbereitung nicht wirklich berauschend waren. Siege gab es lediglich gegen Underdogs, der bekannteste von ihnen war der zypriotische Klub Aris Limassol, der im europäischen Fussball wahrlich kein Schwergewicht ist. Gleichzeitig setzte es auch Niederlagen ab, beispielsweise gegen den FC Winterthur und zuletzt gegen Ipswich Town, den Aufsteiger in die Premier League, der am Samstag mit dem Duell gegen Granit Xhakas Sunderland in die Meisterschaft startet.

Der Traum vom Final

Natürlich, die Resultate aus der Saisonvorbereitung haben keinen grossen Wert. Abgerechnet wird erst in den Ernstkämpfen, wenn das Rennen um Trophäen beginnt. Doch dann gilt es, von Anfang an bereit zu sein. Einen Fehlstart zu vermeiden. Für Lustrinelli heisst das: Im Pokal ist ein Sieg auswärts gegen Braunschweig Pflicht, zumal Horst Heldt, Geschäftsführer Profifussball bei Union, auf die Frage nach den Saisonzielen kürzlich antwortete: «In erster Linie, die Bundesliga zu halten. Natürlich wäre es aber schön, wenn wir das DFB-Pokalfinale erreichen als Berliner Klub.»

Es ist ein grosser Wunsch oder Traum, zumal schon der erste Gegner nicht unterschätzt werden darf. Eintracht Braunschweig sicherte sich in der letzten Saison den Ligaerhalt erst in Extremis, hat zum Auftakt in die neue Saison aber einen 6:1-Kantersieg gegen Magdeburg gefeiert und gegen Bochum knapp 0:1 verloren. Und Lustrinelli musste ja auch letzte Saison in Thun erfahren, wie unberechenbar der Cup bisweilen ist, als er mit den Berner Oberländern an Breitenrain (Promotion League) scheiterte.

In Berlin tritt Lustrinelli nun in grosse Fussstapfen. Die Hoffnung auf die Schweizer Lösung ist gross. Schliesslich ist auch Urs Fischer vor acht Jahren mit einer Thuner Vergangenheit zu Union gekommen – und hat dem Klub die erfolgreichsten Jahre seiner Geschichte beschert. Der Zürcher blieb bemerkenswerte 1963 Tage im Amt und gewann im Schnitt 1,53 Punkte pro Spiel. Es ist ein Wert, der für alle seine – inklusive Interimslösungen – sechs Nachfolger unerreichbar blieb.

Neue Spielphilosophie

Als siebter Fischer-Nachfolger versucht sich nun Mauro Lustrinelli daran, Union wieder nachhaltig auf Erfolgskurs zu bringen, wobei der Klub selber den Ball flach hält. «Wir haben eine Verjüngung der Mannschaft vorgenommen, um auch Spielerwerte zu generieren. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen», sagt Manager Heldt. Zudem soll Power- statt kompakten Defensivfussballs gespielt werden. «Mit unserem vorherigen Spielstil, der nicht unbedingt attraktiv war, ist Union 2019 in die Bundesliga aufgestiegen, bis in die Champions League gekommen und hat immer die Bundesliga gehalten. Die Spielweise hatte ihre Berechtigung, war ein grosser Faktor für den Erfolg», so Heldt. «Doch wir sind nun davon überzeugt, dass wir etwas verändern müssen, um dauerhaft konkurrenzfähig zu sein.»

Ein Philosophie- und Stilwechsel wird nicht von heute auf morgen vollzogen. Auf die Frage, ob Lustrinelli auch genügend Zeit erhalte, antwortete Heldt nun: «Wir haben als Verein wirtschaftlich Wettbewerbsnachteile, zum Beispiel wegen unseres im Verhältnis kleinen Stadions. Aber wir haben auch ganz viele Wettbewerbsvorteile. Dazu gehört: Der Klub ist krisenfest! Er verliert nicht die Nerven, wenn drei, vier Spiele in Folge verloren gehen. Diesen Wettbewerbsvorteil haben andere Vereine nicht.» Ausserdem seien sie von Mauro Lustrinelli total überzeugt. «Wenn jemand wie er Schweizer Meister wird mit den Voraussetzungen, die er in Thun hatte, dann musst du als Trainer etwas können. Das ist schon eine bemerkenswerte Leistung.»

Die Bedeutung des Kollektivs

Die Kombination Lustrinelli/Union könnte passen. Der Tessiner übernahm auch Thun nicht als fertiges Spitzenteam, stattdessen wuchs der Erfolg über mehrere Jahre hinweg. Das spricht dafür, dass Lustrinelli Prozesse aufbauen kann und nicht nur kurzfristig von einer guten Mannschaft profitiert. Er machte aus Thun eine Mannschaft, die als Kollektiv besser war als die Summe ihrer Einzelspieler.

Union-Präsident Dirk Zingler erwartet bei der Umstellung auf den neuen Spielstil in der Bundesliga lediglich in der Anfangsphase Probleme für die Berliner: «Wir wären nicht überrascht, wenn es am Anfang etwas holprig ist. Der neue Spielstil birgt am Anfang mehr Risiko.» Aber langfristig gesehen werde sich die Umstellung auszahlen. Trotz dieser Erklärungen wäre ein Pokal-Out gegen das unterklassige Braunschweig aber ein herber Dämpfer. Denn so sehr Union Geduld und Vertrauen verspricht: Im Fussball entscheidet irgendwann fast immer und überall der Totomat.

Bewerte den Artikel
0 Bewertungen
Ihre Stimme wird gezählt.

News-Feed

Lesen Sie auch

Mehr anzeigen

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Copyright Sky Schweiz SA © 2001-2026. Erstellt von EWM.swiss