Herkulesaufgabe für den «ewigen» Simeone
Am Mittwoch startet Atlético Madrid daheim gegen Aufsteiger Malaga in die spanische Meisterschaft. Für Trainer Diego Simeone wird es die 16. Saison bei Atléti. Aber der charismatische Argentinier hat mit einigen Unsicherheiten zu kämpfen.
Am 23. Dezember 2011 übernahm Simeone bei Atlético. Vor einer gefühlten Ewigkeit also, gerade im schnelllebigen Spitzenfussball, wo auf der Trainerposition mancherorts eine ausgeprägte Hire&Fire-Mentalität herrscht. Gemäss Transfermarkt hat «El Cholo», wie der Argentinier genannt wird, in 800 Wettbewerbsspielen an der Linie der «Rojiblancos» das Zepter geschwungen, 470 Siege gefeiert, 168 Unentschieden erreicht, 162 Mal verloren und im Durchschnitt pro Spiel 1,97 Punkte gewonnen. Es ist eine Erfolgsgeschichte, wie auch die zwei Meistertitel, zwei Triumphe in der Europa League und einer im spanischen Cup zeigen. Zudem führte Simeone sein Team 2014 und 2016 in den Final der Champions League, scheiterte aber jeweils am Lokalrivalen Real Madrid.
Seinen Spitznamen hat Simeone in Anlehnung an seinen Charakter erhalten: kämpferisch, leidenschaftlich und kompromisslos. Simeone verkörpert Kampfgeist, Loyalität und eine klare Idee vom Fussball, in welcher Effizienz und Charakter zentral sind. Es sind auch die Tugenden, die ihn und sein Team in der neuen Saison zum Erfolg führen sollen. Wobei es da doch auch Hindernisse zu überwinden und ein paar Fragezeichen auszuräumen gilt.
Die vergangene Saison war für Atlético enttäuschend. In La Liga reichte es nur gerade zu Rang 4, mit einem riesigen Rückstand von 25 Punkten auf Meister Barcelona. Letztmals gab es in der Saison 2011/12 mit Rang 5 eine schlechtere Platzierung. In jener Saison also, in der Diego Simeone an Weihnachten das Team auf Rang 10 übernahm. In der Champions League war Arsenal im Halbfinal die Endstation, in der Copa del Rey unterlag Atléti Real Sociedad im Penaltyschiessen. Dazu kam das Aus im Halbfinal des spanischen Supercup gegen Real Madrid.
Die Gegner haben aufgerüstet
Wird nun alles besser, in der 16. Saison der Regentschaft von Simeone bei Atléti? Es bestehen zumindest Zweifel. Die grossen Rivalen Barcelona und Real Madrid haben an der Transferfront gewirbelt und Stars verpflichtet. Der Lokalrivale Real Madrid plant unter José Mourinho den Grossangriff, konnte Vinicius Jr. halten und Yan Diomande verpflichten und verfügt über eine schlagkräftige Offensive. Dazu gekommen sind auch Weltmeister-Verteidiger Marc Cucurella, Denzel Dumfries, Ibrahima Konaté, Bernardo Silva und Carlos Espi. Barcelona angelte sich Spaniens WM-Captain Rodri sowie Anthony Gordon, Karim Adeyemi und den Portugiesen João Cancelo.
Und Atlético? Da dominieren seit Wochen die Gerüchte über den Abgang des Top-Stürmers Julian Alvarez. Der Argentinier möchte unbedingt zum FC Barcelona wechseln. Er soll bereits kommuniziert haben, nicht mehr für Atlético spielen zu wollen. Die Madrilenen ihrerseits sind nicht bereit, Alvarez an den Konkurrenten abzugeben, haben ein Angebot von Barça über 120 Millionen Euro abgelehnt und beharren stattdessen auf der festgeschriebenen, utopischen Ablösesumme von 500 Millionen Euro.
Problemfall Alvarez und schmerzhafter Griezmann-Abgang
Die Probleme sind da garantiert. Wohl noch nie hat ein Spieler, der gedanklich schon bei einem anderen Klub ist, durch Top-Leistungen geglänzt. Und wenn «Los Rojiblancos» Alvarez doch noch ziehen lassen, beschert ihnen der Wechsel einen Millionensegen – und schwächt die Offensive. In der Saison 2025/26 war der Argentinier gemeinsam mit dem aktuell noch verletzten Norweger Alexander Sörloth der treffsicherste Spieler im Team. Schmerzhaft dürfte auch der Abgang von Antoine Griezmann sein. Der Franzose, letzte Saison mit 14 Treffern der drittbeste Torschütze, wirbelt neu in der Major League Soccer für Orlando City.
Der Qualitätsverlust in der Offensive wäre immens, zumal Atlético auf dem Transfermarkt zwar aktiv war, aber keine grossen Treffer gelandet hat. Von Tottenham kommt der argentinische Innenverteidiger Cristian Romero, von Sporting Lissabon der dänische, defensive Mittelfeldspieler Morten Hjulmand, von Paris Saint-Germain der südkoreanische offensive Mittelfeldspieler Kang-in Lee und von Leverkusen der spanische Aussenverteidiger Alejandro Grimaldo. Es sind zweifellos interessante Spieler, aber sicher auch keine, die bei der Konkurrenz aus Barcelona und Madrid für das grosse Zittern sorgen. Erschwerend kommt die brisante Konstellation hinzu, dass mit Giuliano Simeone (23) der Sohn des Trainers im Kader steht. Gerade in sportlich schwierigen Zeiten besteht immer die Gefahr, dass eine vermeintliche Bevorzugung des eigenen Sohnes für Unruhe sorgt.
Der «ewige» Diego Simeone ist also gefordert. Sein Vertrag bei Atlético läuft Ende Saison aus. Und so erscheint das eigentlich Undenkbare plötzlich doch denkbar: dass der Trainer den Klub verlässt. Zumal es bereits auf die Saison 2026/27 hin Gerüchte über einen Wechsel zu Inter Mailand gab. Doch zuerst wird er mit Kampfgeist, Leidenschaft und Kompromisslosigkeit alles daran setzen, dass Atlético die Rückkehr zum Erfolg gelingt. Auch wenn es eine Herkulesaufgabe ist.