Heiss, heisser Boteli!
Die Hitze hat die Schweiz weiterhin fest im Griff. Gleichzeitig brennt Sions Winsley Boteli vor Offensivdrang und Torhunger, sorgt bei den Gegnern wohl für Angstschweiss, bei den eigenen Fans für Begeisterung und Träume und steigert bei Präsident Christian Constantin die Hoffnung auf ein grosses Geschäft.
Die Bilanz ist schlicht und einfach sensationell. In dieser Saison kam der vor einem Monat 20 Jahre alt gewordene Genfer wettbewerbsübergreifend in sieben Spielen zum Einsatz. In der Meisterschaft und in der Qualifikation zur Conference League ergibt dies insgesamt 413 Spielminuten. Und in denen erzielte der 1,84 m grosse Stürmer sechs Tore und zwei Assists. Damit macht er dort weiter, wo er letzte Saison aufgehört hat. Damals erzielte er in 38 Einsätzen in Meisterschaft und Cup beziehungsweise 774 Spielminuten elf Tore und einen Assist.
Boteli ist momentan der Superstürmer bei den Wallisern. Er hat mit Abstand die meisten Tore erzielt und sich in der Sturm-Hierarchie vor Rilind Nivokazi gesetzt, der letzte Saison noch der Top-Torjäger der Walliser gewesen war. In dieser Spielzeit ist Nivokazi erst ein Treffer gelungen, immerhin hat er aber am Donnerstag zwei Assists beim 2:1-Sieg gegen den FC Noah erzielt, der gleichbedeutend mit dem Einzug in die Playoffs zur Conference League und einem Duell mit Ajax Amsterdam ist.
Dynamik und Instinkt
Unter den Torschützen war in diesem Spiel, natürlich, Winsley Boteli. Er initiierte mit seinem zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich die Wende – wobei dieser Treffer in die Kategorie «Traumtor» gehört. Nivokazi legt für Sturmpartner Boteli auf, der seinen Gegner stehen lässt und aus 18 Metern via Lattenunterkante zum Ausgleich trifft. «Ich habe den Ball gesehen und einfach draufgehauen, weil ich einen guten Lauf habe. Ich bin in einer sehr guten Dynamik. Und er ist herrlich reingegangen. Das war eine reine Instinktreaktion eines Stürmers», erklärte Boteli später.
Boteli machte damit einmal mehr Werbung in eigener Sache. Er ist ein Rohdiamant, für den sich längst internationale Klubs interessieren. Und ein Spieler, der den Wallisern früher oder später Millionen einbringen dürfte. Der FC Sion hat Boteli zuerst von Borussia Mönchengladbach ausgeliehen, nachdem er im Juli 2022 von Servette in den Nachwuchs des deutschen Traditionsklubs gewechselt hatte. Nach einer starken ersten Saison im Wallis zog der FC Sion die Kaufoption in Höhe von 3,5 Millionen Euro und stattete den Stürmer mit einem Vertrag bis 2030 aus.
Steigender Marktwert
Es dürfte für Sion-Präsident Christian Constantin eine lohnende Investition sein. Aktuell wird der Wert des 20-Jährigen mit fünf Millionen beziffert – Tendenz stark steigend. Und mit seinen grossartigen Leistungen hat er sich ins Notizbuch zahlreicher Klubs gespielt. «Acht Klubs haben konkretes Interesse, ihn jetzt für sehr viel Geld zu verpflichten», sagte sein Berater Christopher Mandiangu in den letzten Tagen gegenüber dem «Blick». Letzten Sommer seien Brügge und Anderlecht interessiert gewesen, aber sie hätten den FC Sion vorgezogen. Was sich rückblickend sicher nicht als falsch herausgestellt hat.
«Winsley arbeitet enorm viel, mehr als früher. Er verrichtet auch Defensivarbeit. Er ist in der Lage, zurückzukommen und mit dem Rücken zum Tor die Bälle zu behaupten. Er entspricht nicht mehr dem Klischee eines Stürmers, der nur Tore schiesst», beschreibt Sion-Trainer Didier Tholot die Entwicklung des noch nicht fertig geschliffenen Diamanten. Ähnlich tönt es von Präsident Constantin, der kürzlich gegenüber dem «Blick» ins Schwärmen geriet und sagte: «Winsley ist geboren, um Tore zu schiessen! Das sind die wenigsten. Und deshalb sind das die Spieler, welche die höchsten Preise erzielen.» Boteli sei aber noch in der Entwicklung und aktuell sei ein Abgang auszuschliessen, so CC: «Der Karriereplan sieht nicht vor, dass wir ihn schon jetzt abgeben, kein bisschen.»
Vorbilder Balotelli und Mbappé
Stattdessen lebt der Traum, dass da ein künftiger Weltstar heranreift. Einer, der einmal Schlagzeilen produziert wie einst Mario Balotelli. Der Italiener verfügte über immenses Talent, feierte einige Erfolge – und war bei seinem Abstecher zum FC Sion ein Ärgernis. Balotelli ist aber auch ein Vorbild von Boteli. Der Shootingstar widmete denn auch sein Traumtor gegen Noah dem italienischen Altmeister und sagte: «Es war für ihn, ich habe seinen Torjubel nachgemacht.» Auch Kylian Mbappé zählt zu den Vorbildern Botelis, der selber schon sehr selbstbewusst auftritt und zuletzt sagte: «Jedes Mal, wenn ich schiesse, wird es gefährlich. Und wenn ich den Ball richtig treffe, kommt der Torhüter nicht mehr ran.»
Klar ist, dass mit jedem weiteren Traumtor der Wert von Boteli steigt. Es lebt bereits die grosse Hoffnung, dass der Genfer irgendwann Matheus Cunha als Sion-Rekordtransfer ablösen könnte – der Brasilianer war im Sommer 2018 für umgerechnet rund 20 Millionen Franken zu RB Leipzig weitergezogen. Heute liegt der Marktwert des brasilianischen Nationalspielers, der seit einem Jahr für Manchester United stürmt, aber schon bei 75 Millionen Euro. Bis dahin ist es für Boteli noch ein weiter Weg. Doch setzt er seinen Höhenflug fort, dürften auch die 20 Millionen Franken, die Sion einst für Cunha kassierte, irgendwann ins Visier geraten.