Fehlstart: Fünf Erkenntnisse nach dem 1:1 vs. Katar
Das hat sich die Schweizer Nationalmannschaft mit Sicherheit anders vorgestellt. Anstatt mit einem Sieg zum Vorrundenauftakt die Weichen früh in Richtung Sechzehntelfinal zu stellen, musste sich die Nati gestern Abend gegen Aussenseiter Katar mit einem enttäuschenden 1:1 begnügen. Trotz früher Führung, trotz lange Zeit überlegenem Spiel und auf extrem ärgerliche Art und Weise. Fünf Erkenntnisse zum WM-Fehlstart in Gruppe B.
Neues Spiel, neue Aufstellung
Das Murat Yakin immer wieder einmal für eine Überraschung gut ist, wissen wir längst. So war es zum Beispiel zum Start in die EM 2024, als Yakin zum Auftakt Michel Aebischer und Kwadwo Duah in die Startelf zauberte, und so war es gestern, als die Schweiz zwar mit einer Vierer-Abwehrkette auflief, dabei aber trotzdem auf Denis Zakaria (RV) und Michel Aebischer (offensives rechtes Mittelfeld) setzte. Dafür auf der Bank: Der erfahrene Silvan Widmer sowie die beiden eher offensiv ausgerichteten Fabian Rieder und Johan Manzambi. Eine Aufstellung, mit der so nicht Viele gerechnet haben dürften, die sich im Gegensatz zum Endrundenauftakt vor zwei Jahren (3:1) dieses Mal allerdings nicht bezahlt machte. An missglückten Auftritten von Aebischer (bis 66.) und Zakaria lag das jedoch nicht.
Überschattet
Eine der wenigen grossen Figuren des gestrigen Abends: Katar-Keeper Mahmoud Abunada. Der 26-jährige Schlussmann des Al-Rayyan SC war lange Zeit der einzige Grund, warum die Katari gegen die Schweizer von einem Erfolgserlebnis träumen durften – und dieses schlussendlich auch erreichten. Aber auch die Schweizer konnten mit der Leistung ihrer Nr. 1 mehr als zufrieden sein. WM-Debütant Gregor Kobel war da, wenn es ihn brauchte, insbesondere bei zwei sehr guten Torchancen des Aussenseiters in Halbzeit 1 (2. und 43. Spielminute, jeweils durch Edmilson). Hätte die Schweiz die drei erwarteten Punkte eingefahren, wären Kobels Paraden wohl in einem noch positiveren Licht gesehen worden. So bleibt wenigstens die Gewissheit, dass die Nr. 1 als eine der weniger Schweizer Leader-Figuren ihre Leistung abrufen konnte.
Glück im Unglück
Bis zu 80% Ballbesitz. 26:7 Abschlüsse und dann der Ausgleich in der fünften Minuten der Nachspielzeit. Nein, zu behaupten die Schweiz hätte diese Partie gegen die Katari nicht auch mit zwei bis drei Toren Unterschied gewinnen können, wäre nicht gänzlich falsch. Aber man muss auch sehen: Läuft es ganz dumm, steht unsere Nationalmannschaft zum Ende gar mit leeren Händen da. Wenn z.B. Stürmer Edmilson Junior mit einer seiner beiden Grosschancen nicht an Gregor Kobel scheitert. Und wenn VAR Guillermo Pacheco in der 14. Minute kurz vor dem Foul an Remo Freuler auf ein Abseits des Schweizers entscheidet, welches den folgenden Elfmeter zum 1:0 aufgehoben hätte. Beides passierte nicht, wobei vor allem das Fehlen einer die Situation für den TV-Zuschauer aufklärenden Wiederholung überraschte. Möglicherweise aufgrund eines technischen Defekts. Sicher aber nicht zum Nachteil unserer Nati.
This trend is not your friend
Drei Mal hat die Schweizer Nati in den letzten Wochen gegen einen auf dem Papier schwächeren Gegner gespielt, drei Mal wiederholte sich dabei die Geschichte. Ein überlegener Start. Ein früher Führungstreffer und dann der Leistungsabbau nach der Pause. So war es im WM-Test gegen Jordanien, so war es vor Wochenfrist gegen Australien und so war es auch gestern vs. Katar. Der Unterschied: Blieb das Nachlassen gegen die Jordanier (nach 3:0-Pausenführung) noch folgenlos, ging die Schweizer Rechnung in den beiden jüngsten Duellen gegen WM-Aussenseiter nicht auf. Daran besonders besorgniserregend: Ein Lerneffekt ist bislang nicht eingetreten, was auch die deutlich kritischen Post-Game-Interviews von Captain Granit Xhaka belegen. Bemängelte der Rekordnationalspieler vergangene Woche noch die mangelnde Arbeitseinstellung des Schweizer WM-Trosses, sprach er dieses Mal Disziplinlosigkeiten einzelner Akteure auf dem Platz direkt an. Beides nicht unbedingt Merkmale einer Mannschaft, in der jeder seine Rolle zu kennen oder zu akzeptieren scheint. Und das sind keine guten Voraussetzungen vor den Duellen mit Bosnien-Herzegowina und Kanada.
Verwechselt
In der 66. Minuten kamen Fabian Rieder (für Michel Aebischer) und Johan Manzambi (für Dan Ndoye). In der 79. Minute Zeki Amdouni für Ruben Vargas. Und in der 89. Minute schliesslich Ardon Jashari (für Remo Freuler) und Miro Muheim (für Ricardo Rodriguez). Fünf Minuten später hatten drei dieser fünf Spieler beim späten Ausgleich der Katari ihre Hände, Füsse und Köpfe mit ihm Spiel. Nicht unbedingt, weil sie fahrlässig agierten, sondern weil sich die Spielsituation durch eine Verkettung mehrerer Schweizer Unzulänglichkeiten so ergeben hatte. Zu denen gehört meiner Meinung nach auch der Entscheid, in der 89. Minute eines Spiels, dessen Dynamik längst keine Schweizerische mehr war, überhaupt ohne Not zu wechseln. Zwei «erfahrene Hasen» (Freuler und Rodriguez) durch zwei in der Nati noch relativ unerfahrene WM-Neulinge (Jashari und Muheim) zu ersetzen. Natürlich, im Nachhinein ist man immer schlauer. Doch diese Wechsel gilt es in den kommenden Tagen genauso zu hinterfragen, wie die eine oder andere Personalentscheidung rund um Spieler mit Premier-League-Erfahrung im Angriff.