Katar: Mehr Erfahrung als Klasse
Am Samstagabend startet die Nati endlich in die WM. Der erste Gegner ist Katar, die aktuelle Weltnummer 56. Im Normalfall ist das Team des spanischen Trainers Julen Lopetegui für die Schweizer nicht mehr als eine Pflichtaufgabe.
Nur schon die Zahlen sind wenig beeindruckend. Das 26-Mann-Kader, das an diese WM gereist ist, verfügt über einen Marktwert von rund 20 Millionen Euro, während die Schweizer auf insgesamt 332,50 Millionen Euro kommen. Gleich sechs Spieler im Team von Murat Yakin werden höher eingestuft als das gesamte Katar-Kader: Johan Manzambi (50 Mio.), Gregor Kobel (40 Mio.), Dan Ndoye (32 Mio.) sowie Denis Zakaria, Noah Okafor und Ardon Jashari (alle 25 Mio.). Der Star im Team ist Linksaussen Akram Afif, der mit einem Marktwert von acht Millionen Euro auch der wertvollste Spieler ist. Der 29-Jährige hat bereits 128 Länderspiele für sein Land absolviert und 40 Tore erzielt –darunter eines gegen die Schweiz: im November 2018 in einem Testspiel in Lugano, das Katar durch diesen Treffer in der 86. Minute mit 1:0 gewann.
In den Schweizer Medien wurde danach von einer riesigen Blamage berichtet, und das wäre nun wohl nicht anders, wenn die Schweiz, aktuell die Weltnummer 19, am Samstag Federn lassen sollte. Zu weit liegen die beiden Teams betreffend Potenzial auseinander und zu schlecht waren zuletzt die Resultate von Katar: Zuletzt gab es sechs Spiele ohne Sieg (vier Niederlagen, zwei Unentschieden), den letzten Erfolg feierte das Team im Oktober 2025 beim 2:1 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Damit ist auch jetzt schon klar: Wenn die Schweizer Akram Afif und auch den Rekordtorschützen Almoez Ali (55 Tore in 119 Spielen) ausschalten können, nehmen sie dem Gegner einen grossen Teil seiner sowieso schon beschränkten offensiven Gefahr.
Tiefe Erwartungen und grosser Respekt
Bemerkenswert tief sind die Erwartungen der Kataris, die 2022 erstmals an einer WM teilnahmen, als sie als Gastgeber gesetzt waren. Damals verlief die Gruppenphase ernüchternd: 0:2 gegen Ecuador, 1:3 gegen Senegal, 0:2 gegen die Niederlande. Und nun sagt Trainer Julen Lopetegui «Wir fühlen keinen Druck, weil wir gegen drei bessere Teams spielen.» Man wolle das Turnier «geniessen», dabei aber nicht den sportlichen Ehrgeiz vermissen lassen. Ähnlich defensiv gibt sich Captain und Rekordnationalspieler Hassan Al-Haydos (167 Länderspiele), der sagt: «Die Schweiz ist eines der besten Teams Europas – ja der Welt!» Es sind schon fast ehrfürchtige Worte, die er wahrscheinlich auch aus taktischen Gründen gewählt hat, um seinem Team Druck zu nehmen und im Idealfall dafür zu sorgen, dass es von den Schweizern unterschätzt wird.
Das Ziel für die Endrunde 2026 ist klar: Katar will die ersten WM-Punkte in seiner Geschichte gewinnen. Dafür wurde mit dem Spanier Julen Lopetegui vor etwas mehr als einem Jahr auch ein namhafter Trainer verpflichtet. Der 59-Jährige hätte an der WM 2018 auch schon Spanien als Nationaltrainer anführen sollen, wurde aber zwei Tage vor dem ersten Spiel gefeuert, weil bekannt geworden war, dass er nach dem Turnier als Cheftrainer bei Real Madrid übernehmen und Nachfolger von Zinédine Zidane wird. Das Gastspiel bei den Königlichen dauerte allerdings nur 14 Spiele, dann wurde er nach einer 1:5-Niederlage gegen Barcelona entlassen.
Ein schwieriges Jahr
Nach Engagements beim FC Sevilla, bei Wolverhampton und West Ham ist er nun in Katar gelandet und hat speziell auch wegen des Krieges in der Golfregion eine alles andere als einfache Zeit hinter sich. Aufgrund des Krieges mussten Testspiele gegen Argentinien und Serbien abgesagt werden, die Spieler konnten während Wochen nicht gemeinsam trainieren und immer wieder musste man sich bei Bombenalarm in Sicherheit bringen. «Es war eine sehr unangenehme Erfahrung», sagte Lopetegui kürzlich gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». «Aber wir hatten immerhin das Gefühl, mehr oder weniger sicher zu sein und alles im Griff zu haben.» Seine Frau verliess in jener Zeit Katar und kehrte in die Heimat, er selber blieb. «Nicht, weil ich den Helden spielen wollte, aber ich hatte das Gefühl, dass ich der Mannschaft und dem Land gegenüber Verantwortung trage.»
Am Samstagabend steigt Lopetegui nun nach den überwundenen Hürden endlich in seine erste WM. Und da hat er Respekt vor der Schweiz. Er bezeichnet die Mannschaft von Murat Yakin als Aussenseitertipp. Sie sei ähnlich wie die Niederlande wettbewerbsstark und ausgeglichen genug, um sich in den K.-o.-Runden durchzusetzen. Die Schweiz trete mit einem eingespielten Team mit erfahrenen Leadern wie Xhaka, Akanji, Embolo oder Elvedi an und sei durch grossartige Spieler wie Ndoye und Manzambi aufgefrischt worden. Der Spanier selber setzt in seinem 26-Mann-Kader auf viel Routine. Der Altersdurchschnitt beträgt 29,5 Jahre und ist der fünfthöchste aller Teilnehmer, während jener der Schweiz bei 28,3 Jahren liegt (Position 18) Gleich sieben Spieler haben jeweils über 100 Länderspiele absolviert und elf Akteure sind 30 Jahre oder älter. Die Erfahrung im Team ist damit ungleich grösser als die Klasse, sodass die Schweizer eigentlich zu einem Sieg verdammt sind.