Historisch! Fünf Erkenntnisse nach dem Achtelfinal-Erfolg gegen Kolumbien
120 ziemlich müde Minuten, gefolgt von einem Elfmeter-Drama und – für einmal – dem besseren Ende für die Schweiz: Die Nati steht im WM-Viertelfinal 2026! Nach keinem Spiel für Fussball-Feinschmecker, dafür aber einem für die Geschichtsbücher. Hier sind fünf Erkenntnisse zum ersten Schweizer WM-Viertelfinal-Einzug seit 72 Jahren.
Da liegt was drin
Es war wieder einmal ein typisches Schweizer K.o.-Spiel: Gefühlt mit ständig angezogener Handbremse, wenig offensivem Risiko und dem obersten Gebot, bloss keine Fehler zu machen. Hätten die Nati verloren, die Leier wäre wie immer dieselbe gewesen. Wir hätten uns wochenlang gefragt: „Was, wenn man nur mehr gewagt hätte?“ Hat man aber nicht.
Und trotzdem war die Schweiz am Ende siegreich – gegen einen Gegner, der sich genau diese schmerzhaften, uns nur allzu vertrauten Fragen nun stellen muss (EM 2016 und WM 2018 anyone?).
Hingegen können sich Murat Yakin & Co. ab sofort mit einer viel spannenderen Frage beschäftigen: Was bitteschön wäre eigentlich möglich, wenn diese Mannschaft einmal von der ersten bis zur letzten Minute einen mutigen, teilweise sogar dominanten Auftritt hinlegen würde? Wenn die wiedergewonnene defensive Stabilität mit einem zwingenderen offensiven Mindset kombiniert werden könnte? Ja dann, könnte an dieser WM noch ganz viel möglich sein – unabhängig davon, wer da als nächster Brocken wartet.
Einseitig
Nein, es war kein gutes Spiel vergangene Nacht. Neutrale Beobachter wurden von zwei sich gegenseitig neutralisierenden Mannschaften wohl sanft in den Schlaf gewogen. Dass die Partie nur schleppend in Fahrt kam, lag auch an einer Schweiz, die in der ersten Halbzeit offensiv kaum einen Fuss vor den anderen brachte.
Dabei war das Problem hausgemacht: Gefühlt jeder Angriff im ersten Durchgang wurde über die linke Seite von Riccardo Rodriguez und Dan Ndoye abgewickelt. Und Rechtsaussen? Da stand Denis Zakaria diverse Male komplett frei, hatte grünen Rasen vor sich – und wurde schlicht ignoriert. Eine solches Manko musste nach den Last-Minute-Ausfällen von Ruben Vargas und Johan Manzambi zwar befürchtet werden, enttäuschend mitanzusehen war es nichtsdestotrotz. Immerhin wurde die zweite Halbzeit etwas besser, was in der Anfangsphase der zweiten Hälfte prompt in einem spürbaren Schweizer Übergewicht mündete. Schade, hatte man da die 45 Minuten zuvor bereits „verschwendet“.
Genug ist genug
Es ist davon auszugehen, dass Stan Wawrinka an den folgenden Zeilen keine Freude haben wird. Schliesslich ist der Romand neben seiner krachenden Rückhand vor allem für sein Tattoo bekannt. Sinngemäss sagt jenes: Immer wieder versuchen, immer wieder scheitern - einfach „besser“ scheitern. Für Manuel Akanji sollte dieses Motto jedoch ab sofort nicht mehr gelten.
Nicht nach dem EM-Viertelfinal gegen Spanien 2021. Nicht nach dem EM-Viertelfinal 2024 gegen England. Und nicht nach dem WM-Achtelfinale vergangene Nacht. Schliesslich scheiterte der Abwehrboss in Vancouver bereits zum dritten Mal in Folge vom Punkt und besiegelte damit fast das schon traditionelle Schweizer Endrunden-Schicksal. Das Kuriose daran: Akanjis Penalty-Schwäche steht im krassen Gegensatz zu seinen bärenstarken Leistungen während dieses Turniers. Zum eiskalten Elfmeterschützen ist der Weltklasse-Innenverteidiger offensichtlich schlicht nicht geboren. Und das ist auch völlig okay so – solange der 30-Jährige und der Trainer-Staff nun wie angekündigt ihre Lehren daraus ziehen. Ohnehin hätten wir einen besseren Vorschlag im Petto: Wie wärs, Akanji würde beim nächsten Mal einfach einen der bislang harmlosen Schweizer Standards ins gegnerische Tor befördern?
Nicht der Rede wert
Irgendwann nach dem erlösenden Schlusspfiff stellte sich Nati-Coach Murat Yakin den Fragen von SRF-Reporter Jeff Baltermia. Es ging um Emotionen, die Freude in der Heimat und natürlich um die taktischen Wechsel der zweiten Halbzeit: von Jashari zu Sow, von Embolo zu Itten und von Ndoye zu Amdouni, anstatt zum Beispiel zu Okafor. Geduldig erklärte sich der 51-Jährige – und schaffte es dabei mit bewundernswerter Eleganz, Edelreservist Noah Okafor mit keiner einzigen Silbe zu erwähnen. Dabei hätte es durchaus Erklärungsbedarf gegeben.
Schliesslich wurden dem achtfachen Saisontorschütze in der Premier League erneut zwei Offensivkräfte vorgezogen, von denen einer praktisch die gesamte Saison mit einem Kreuzbandriss verpasste und der andere zuletzt in der zweiten Bundesliga kickte. Dass beide in der Hierarchie vor dem Leeds-Stürmer stehen, ist ein verdammt hartes Signal an den talentierten 25-Jährigen. Gut möglich, dass seine 25 Spielminuten aus dem Sechzehntelfinale gegen Algerien die einzigen an dieser Endrunde bleiben werden. Es sei denn, diese WM hat plötzlich noch ein ganz andere Schweizer Geschichte für uns auf Lager.
Eine unendliche Geschichte
Murat Yakin und seine Wechsel – ein Lieblingsthema der Nation. Denn manchmal funktionieren sie, ein anderes Mal verpuffen sie. Heute überraschen sie, morgen lassen sie uns ratlos zurück. Sicher ist nur: Sie werden von den Fans und Experten so unterschiedlich interpretiert, wie sie sich am Ende auf das Resultat auswirken.
Auch im Achtelfinal-Drama gegen Kolumbien versuchte Yakin nach der Pause gleich sechsmal, personelle und taktische Impulse zu setzen. Mit durchschlagendem Erfolg, sagen die einen – schliesslich stehen wir im Viertelfinal. Zu spät und ohne spürbaren Impact, sagen die anderen. Wer hat recht? Am Ende natürlich der Sieger. Yakins Rochaden hatten zumindest genügend Einfluss, um die Partie nicht komplett aus den Händen zu geben. Klar ist aber auch: Im weiteren Verlauf dieses Turniers wird wohl wieder etwas mehr Mut gefragt sein. Natürlich nur, ohne dabei zu viel zu riskieren…