Volle Kraft in Richtung Europa
Die neue Saison ist für den FC Thun bislang wie eine Fahrt auf der Achterbahn. Folgt am Donnerstagabend im Stadion Vikingsvöllur in der isländischen Hauptstadt Reykjavik wieder ein Höhepunkt?
Mal geht es rauf. Mal geht es runter. So ist es auch beim FC Thun in dieser Saison. Der Meister schnupperte unter dem neuen Trainer Gian-Luca Privitelli international an der Sensation und scheiterte in der Champions League-Qualifikation nur knapp am kroatischen Favoriten Dinamo Zagreb. Weitere Erfolgserlebnisse waren der 3:1-Sieg zum Meisterschaftsauftakt auswärts gegen den FC Luzern und das 3:0 vor sechs Tagen in der Europa League-Qualifikation gegen Vikingur Reykjavik.
Doch es gab auch die andere Seite. Das unglückliche Ausscheiden gegen Zagreb war ein Dämpfer. In der Super League gab es daheim eine deftige 0:6-Ohrfeige im Derby gegen die Young Boys und zuletzt eine 2:4-Niederlage in Basel, wobei das Resultat noch höher hätte ausfallen können. Und auch neben dem Feld war es zuletzt turbulent. Sportchef Dominik Albrecht, der die Meistermannschaft geformt hatte, musste dem immensen Aufwand in den letzten Jahren Tribut zollen und trat zurück. «Ich habe in den letzten Wochen noch intensiver gemerkt, dass ich aus familiären Gründen nicht mehr so weitermachen will. Ich habe in diesem Sommer meine Kinder fast nie gesehen. Dieser Spagat war das Herausforderndste am ganzen Job», erklärte er, weshalb er die Notbremse gezogen hat.
Finanzen vs Substanz
Die Berner Oberländer stecken in einer herausfordernden Zeit. Leistungsträger wie Leonardo Bertone, Kastriot Imeri, Ethan Meichtry, Elmin Rastoder oder zuletzt Christopher Ibayi haben den Klub verlassen. Es sind Abgänge, die sportlich schmerzen, aber wenigstens den traditionell arg strapazierten Finanzen gut tun. Dazu kommt der Verlust von Trainer Mauro Lustrinelli, der sich nun in der Bundesliga bei Union Berlin versucht. Ersetzt wurde er durch einen verhältnismässig unbekannten Trainer: Gian-Luca Privitelli, der in den letzten zwei Jahren Cheftrainer der Schweizer U20-Nati war und zwischen 2018 und 2021 im Nachwuchs des FC Thun tätig gewesen war. «Seine grosse Expertise in der Ausbildung und Entwicklung junger Spieler und seine Teamfähigkeit entsprechen dem eingeschlagenen Weg des Klubs», begründeten die Thuner ihre Wahl.
Nachwuchsspieler entwickeln und an die Spitze führen: Es ist weiterhin das Rezept der Berner Oberländer. Fertige Stars und teure Spieler einzukaufen, würde das Budget sprengen und die Existenz des Klubs gefährden. Umso wichtiger ist es, die Finanzen wenn immer möglich zu entlasten – und das ist nun mit der Präsenz im europäischen Business möglich.
Nach dem 3:0-Sieg im Hinspiel gegen Vikingur Reykjavik steht die Tür zu einem europäischen Herbst weit offen. Bringen die Berner Oberländer gegen die Isländer den Vorsprung im Rückspiel über die Bühne, wovon auch auszugehen ist, erreichen sie die Playoffs für die Ligaphase der Europa League. Der Gegner auf der letzten Etappe zu dem Wettbewerb, in dem es ein Startgeld von 4,31 Millionen Euro gibt, wäre wohl Lech Posen, das im Hinspiel gegen Klaksvik (Färöer) aber nur mit 1:0 gewonnen hat. So oder so wäre es für Thun eine anspruchsvolle, aber auch machbare Hürde auf dem Weg an die Millionentöpfe.
Sollten die Berner Oberländer überraschend an Reykjavik scheitern, wäre der Sieger aus dem Duell zwischen Borac Banja Luka (Bosnien-Herzegowina) und Vitebsk (Belarus) der nächste Gegner, wobei die Bosnier das Hinspiel mit 1:0 für sich entschieden und in der Pole-Position sind. Auch hier gilt: Es sind zweifellos nicht allzu grosse Hindernisse auf dem Weg in die Ligaphase der Conference League, die mit einem Startgeld von 3,17 Millionen Euro belohnt wird. Danach bringt jeder Sieg 400’000 Euro und jedes Unentschieden 133’000 Euro. Es sind Summen, die im Berner Oberland natürlich höchst willkommen wären.
Lukrativer wäre aber zweifellos die Europa League, in der zusätzlich zum Startgeld jeder Sieg mit 450'000 Euro und jedes Remis mit 150'000 Euro belohnt wird und zweifellos auch attraktivere Gegner zu erwarten sind. Die europäische Bühne ist für Thun finanziell besonders lukrativ und geniesst aktuell Priorität. Trainer Gian-Luca Privitelli rotierte in den letzten Partien im grossen Stil, setzte auf Belastungssteuerung und gewährte auch weniger bekannten Namen Einsätze. Es ist ein verständlicher Weg. Aber auch ein riskanter. In der Super League beträgt der Rückstand auf Leader Lugano nach drei Partien bereits sechs Punkte. Zudem ist es absehbar, dass im Kampf um einen Platz in den Top 6 und der Championship Group im kommenden Frühling jeder Punkt zählt. Und da ist auch jeder in der Anfangsphase der Meisterschaft gewonnene Zähler wichtig und wertvoll. So gesehen kann nur darauf gehofft werden, dass sich das Motto «volle Kraft in Richtung Europa» am Ende auch lohnen wird.