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Vom Jungstar zum Sorgenkind

Andy

Der FC Bayern München geht förmlich an Krücken und trifft heute Abend in der Champions League auswärts auf Atlético Madrid. Es ist ein wegweisendes Spiel und eine grosse Herausforderung. Und vielleicht für Lennart Karl die ideale Gelegenheit für den persönlichen Turnaround.

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Nach seinem Höhenflug letzte Saison befindet sich Lennart Karl nun in einer Baisse und steht in der Kritik. © IMAGO / Eibner

Vor 438 Tagen ist der Stern von Lennart Karl so richtig aufgegangen. Es war der 22. August 2025, als der Offensivspieler von Vincent Kompany erstmals in der Bundesliga eingesetzt wurde. 17 Jahre und sechs Monate war Karl damals jung, die Bayern gewannen gegen Leipzig mit 6:0. Es war der Anfang einer Erfolgsstory. Einen Monat später kam Karl gegen Pafos zu seinem Debüt in der Champions League. Und wiederum einen Monat später erzielte er seine ersten Tore in der heimischen Liga und in der Königsklasse. Alles noch vor seinem 18. Geburtstag.

Am Ende der Saison standen in Karls wettbewerbsübergreifender Statistik: 40 Spiele für die Bayern, neun Tore, acht Assists und 1984 Spielminuten. 24 Mal stand er in der Startformation. Es war eine bemerkenswerte erste «richtig» Saison bei den Bayern, auch wenn der Shootingstar schon gegen Ende der Saison etwas den Tritt verlor, als er einen Muskelriss erlitt und pausieren musste. Noch übler erwischte es ihn dann aber Anfang Juni, als er sich im Abschlusstraining vor dem letzten Testspiel gegen Co-Gastgeber USA einen Muskelbündelriss im linken Oberschenkel zuzog, was gleichbedeutend mit dem WM-Aus war.

Kritik statt Bewunderung

Seither hat der Teenager den Tritt nicht mehr richtig gefunden. Aus dem gefeierten Jungstar, der auch wegen seiner Unbekümmertheit gefeiert wurde, ist ein Sorgenkind geworden, das unter Beobachtung steht und dessen Einsatzzeit gesunken ist. Was vor einem Jahr noch für ein Schmunzeln sorgte und bewundert wurde, wird mittlerweile kritisch beäugt. Statt dass wie vor einem Jahr sportliche Glanztaten gefeiert werden, gibt es nun Kritik für tatsächliche und vermeintliche Fehltritte, wobei deren Liste mittlerweile ziemlich lang ist.

Ein Thema ist das provokante Feiern von Toren, wie bei seinem einzigen Saisontreffer auswärts gegen Aufsteiger Elversberg, als er demonstrativ den Finger auf die Lippen legte und sich danach die Hände an die Ohren hielt. Die Konsequenz? Ein gellendes Pfeifkonzert für dieses Zeichen der Arroganz – später war auch eine Entschuldigung nötig. Ein anderer Fauxpas war, als er sich an einer Serie von Übersteigern versuchte und der Ball im Aus landete. Es war ein Verdribbler und ein Eigentor im übertragenen Sinn zugleich.

Dazu kommen auch verbale Ausrutscher, die man bei einem Fussballer im Hoch wohl als erfrischend einstufen würde, einem schwächelnden Bayern-Ass aber schnell um die Ohren geworfen werden. Ein Beispiel ist die Aussage «Natürlich kann man mich mit Messi vergleichen», ein anderes seine Liebeserklärung an Real Madrid vor einigen Monaten.

Fehlende Demut

Und da ist auch sein Lebensstil: Teure Taschen und Luxusuhren unterstützen ebenso wie die grosse Präsenz in den sozialen Medien das Bild eines verwöhnten Jungprofis, der den Bezug zur Realität verloren hat. Wie Karl da sein Leben mit seiner Freundin Zoe teilt, ist ein gefundenes Fressen für seine Gegner, die immer zahlreicher werden. Und last but not least war da auch der Auftritt in seinem inzwischen legendären pinken Trainingsanzug, der mancherorts für Kopfschütteln sorgte. Bayern-Patron Uli Hoeness sagte später: «Ein pinker Anzug ist nie vernünftig.» Und: «Junge Spieler brauchen Demut.»

Diese Demut ist auch für erfolgreiche Fussballer eine der wichtigsten Qualitäten neben dem Platz. Wobei der Grat natürlich schmal ist. Gerade Offensivspieler wie Karl müssen auf dem Feld frech und unberechenbar sein, leben auch vom Instinkt. Ausserhalb des Spiels sollten sie aber möglichst brav sein, Typ «Traumschwiegersohn», ohne Ecken und Kanten.

Lennart Karl befindet sich in seiner noch jungen Karriere in einer schwierigen Situation. Der Gegenwind wird bissiger. Die Einsatzzeit sinkt, die Zahl der Negativschlagzeilen steigt. Uli Hoeness erklärte zuletzt: «Ich plane, ein ernstes Wort mit ihm zu sprechen. Er ist weit entfernt davon, ein Superstar zu sein. Junge Spieler brauchen Demut.» Karls Berater Michael Ballack reagierte mit der Aussage, Hoeness habe seinen Schützling damit öffentlich zur Zielscheibe erklärt, und goss damit weiteres Öl ins Feuer.

Nun ist es aber an der Zeit, Taten statt Worte sprechen zu lassen. Und da wird vielleicht für Lennart Karl das Pech anderer zu seinem Glück. Die Bayern plagen sich in der Offensive mit enormen Verletzungssorgen. Ismael Saibari und Serge Gnabry sind noch zu langen Pausen gezwungen. Aktuell stehen auch Luis Diaz und Jamal Musiala nicht zur Verfügung. Gut möglich, dass Lennart Karl heute gegen Atlético eine Chance erhält und sich zeigen darf. Und vielleicht gelingt dem polarisierenden Jungstar ja ausgerechnet auf der grossen Bühne gegen Atlético der Befreiungsschlag.

 

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